Im Mai 2024, vor etwa einem Jahr, kamen bei der obligatorischen archäologischen Begleitung der Grabung am Salvatorplatz für die Aufstellung des Denkmals für die Familie Mann Reste von Bestattungen auf dem Friedhof der nahegelegenen Salvatorkirche und der Friedhofsmauer zum Vorschein. Das Büro für Archäologie Neupert, Kozik & Simm war mit den Arbeiten beauftragt und barg ein Kinderskelett aus der Barockzeit. Der Friedhof war bis ca. 1800 in Betrieb. Eigentlich war dies bekannt, und der Friedhof ist auch als Bodendenkmal ausgewiesen, doch war man davon ausgegangen, dass wegen der zahlreichen Baumaßnahmen am Platz nach 1945 und eines Luftschutzkellers unter dem Platz keine Funde zu erwarten seien. Bei einer Begehung des Kellers unterhalb der Salvatorgarage stellte sich jedoch heraus, dass dieser sich komplett unter dem Gebäude befindet, nur ein schmaler Laufgang unter dem Platz gelegen ist.
Den Platz komplett bis auf die geplante Fundamenttiefe von teils bis zu 1,90 m aufzugraben und archäologisch untersuchen zu lassen, wäre mit sehr hohem Kosten- und Zeitaufwand verbunden, so dass ein Baustopp und anschließend ein Rückbau bis zur Klärung der Lage geboten war.
Die Funde, gerade bei Baubeginn, waren ein harter Schlag und brachten mich in Zwiespalt: Einerseits interessiere ich mich selbst für Geschichte und Archäologie; Sichten, Sammeln, Dokumentieren von Funden sind Teil meiner künstlerische Praxis. Und die Grabungen stießen auch auf Interesse von Passanten, bei Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Literaturhauses. Der Salvatorplatz verwandelte sich für kurze Zeit in eine Ausgrabungsstätte, an der Überreste vergangener Lebenswelten und ehemaliger Stadtbewohner sichbar wurden – ein an und für sich spannender Prozess. Und dass die Familie Mann hier ein Denkmal bekommen soll, wo auch Lebensspuren anderer Familien sichtbar werden, erscheint passend. Andererseits wurde eben durch die Funde der langersehnte Abschluss des Denkmalprojekts verhindert, das sich schon über mehrere Jahre hinzieht. Die Ausgrabungen setzten eine Kette von erneuten Abstimmungsprozessen mit den Denkmalschutzbehörden in Gang, u.a. mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, wo das Projekt am Salvatorplatz zeitweise in Frage gestellt schien, nicht im Hinblick auf das Bodendenkmal, sondern grundsätzlich; Abteilungen, die vorher anscheinend nicht beteiligt waren, schalteten sich ein, der Landesdenkmalrat – ein Gremium, von dessen Existenz ich vorher nichts wusste – wurde um Stellungnahme gebeten, und gab das Thema wieder an die Denkmalpflege zurück, ich wurde von dort aufgefordert, eine erneute Projektbeschreibung mit Visualisierungen einzureichen, aus der die Wirkung im Ensemble „München nach 1945“ klarer hervorgehen sollte …
Die zentrale Lage in der Altstadt hat also ihre Tücken. Dennoch bleibt der Standort für das Denkmal inhaltlich ideal, in unmittelbarer Nachbarschaft des Literaturhauses, mit seiner Verbindung zur Literatur und insbesondere seinem „Hausheiligen“ Thomas Mann. Auch hatte ich den Entwurf genau für den Platz konzipiert, als Versammlung der über die Stadt verstreuten Schilder an einem zentral gelegenem Ort, mit den hochaufragenden, Licht spendenden Leuchten. Anfang des Jahres 2025 wurde ein grundsätzliches Einverständnis des Denkmalschutzes mit dem Denkmal singnalisiert, was sich in einer Genehmigung für weitere (archäologische) Grabungen manifestierte. Nun müssen gemäß der Empfehlung die Fundamente für die Leuchten flacher geplant, technische Lösungen für die veränderte Ausgangslage gefunden werden. Die Planungen gehen jetzt weiter!
Flashback zum Prozess der Ideenfindung: In München setze ich 2018 meine Recherche zu den Straßenschildern der Manns fort. In den 2000ern wurden dort eine Reihe von Straßen und Plätzen nach den Kindern der Manns benannt. Das hängt wohl zusammen mit der gestiegenen Popularität der Familie nach der Verfilmung ihrer Geschichte durch Heinrich Breloer 2001, mit verstärkter wissenschaftlicher Beschäftigung, aber auch mit dem Bemühen der Stadt München, verstärkt Frauen bei der Benennung von Straßen zu berücksichtigen und dadurch sichtbar zu machen.
Ich finde immerhin fünf Mitglieder der Familie (mit Heinrich wären es sechs): Thomas Mann in Bogenhausen, Klaus und Erika am Arnulfpark, Elisabeth ganz im Osten und Golo ganz im Westen. Diese weitgestreckte Verteilung bringt mich auf die Idee, die Mitglieder über die Schilder zusammenzuholen und von der Peripherie ins Zentrum, an den Salvatorplatz in der Altstadt zu bringen.
Was in München weiter auffällt: Die Schilder sind an Straßenleuchten angebracht, anders als in Berlin. Daraus entwickelt sich die Idee, sie mitzunehmen, als charakteristische Bestandteile des öffentlichen Raums, die jeweils unterschiedlich ausfallen und, ähnlich wie die Schilder, viel über ihren Standort erzählen.
Die Orte liegen weit auseinander, wie man auf einem Stadtplan sehen kann. Um sie zu markieren und auch die Objekthaftigkeit der Leuchten mit hineinzunehmen, stecke ich Nägel mit breiten Köpfen in einen Plan. Sie reflektieren das Licht, „leuchten“.
Thomas-Mann-Allee, Bogenhausen
In München liegt die nach Thomas Mann benannte Straße im großbürgerlichen Stadtteil Bogenhausen, geprägt durch Villen und großzügige Einfamilienhäuser. Auch dieses Umfeld ist ein Unterschied zu Berlin, wo Wohnblocks und kommunale Bauten vorherrschend waren. „Allee“ heißt es hier, im Gegensatz zum prosaischen „Straße“; sie verläuft parallel zur Isar, ruhig über dem Fluss, von dem sie ein parkähnlicher Grünstreifen trennt, dessen Bäume sich über die Straße wölben. Auf der anderen Seite Gärten mit ausladenden alten Bäumen. Umbenannt wurde die Föhringer Allee, 1956, bereits ein Jahr nach dem Tod Thomas Manns. Dies zeigt, dass man sich der Bedeutung Thomas Manns bewusst war.
Das Schild ist groß und breit, vermittelt Solidität und Dauerhaftigkeit: Die Schrift ist in Emaille aufgebracht, Farbe als glasartige Schicht aufgeschmolzen – was eine harte, glänzende Oberfläche ergibt. Es ist von der Mitte aus leicht gewölbt, wirkt dadurch plastisch – und funktional läuft das Wasser von dieser gespannten Fläche gut ab. Die Schrift ist von einer Kartusche umrahmt, womit Historisch-Barockes anklingt.
Die Leuchte, an der das Schild angebracht ist, strahlt ebenfalls etwas Klassisch-Solides aus, mit der schlichten, kantigen Form, erinnert an das Design der 1950er Jahre und hat die schöne Typen-Bezeichnung „Bavaria“. Beim Besuch gefallen mir die Spinnweben zwischen Leuchte und Schild. Interessant ist das Schild dort auch, weil es in direktem Zusammenhang mit dem zentralen Lebensort der Familie steht: hier wohnten die Manns fast 20 Jahre lang, hier schrieb Thomas Mann u.a. den Zauberberg. 1913 ließen sich Thomas und Katia eine Villa bauen. Sie hat eine wechselvolle Geschichte, voller unterschiedlicher Nutzungen, Zerstörungen, Rekonstruktionen: Sie wurde im 2. Weltkrieg stark beschädigt, abgerissen, durch einen Bungalow ersetzt. 2001 ließ der in München geborene Alexander Dibelius, Banker bei Goldman-Sachs, die Fassade rekonstruieren, das Haus innen jedoch umbauen. Der Investor Thomas Manns erwarb die Villa schließlich 2015. Man kann sich vorstellen, dass dabei die Namensähnlichkeit eine Rolle gespielt hat – insofern passt dieses Detail auch zum Denkmal Straßen Namen Leuchten und der Anziehungskraft von Namen. An der Mauer der Villa erinnert eine Tafel erinnert an ihre Geschichte – und gerade stehen Leiter und Hochdruckreiniger vor ihr – sie wird offensichtlich gesäubert, vielleicht hatte sich jemand durch die weiße Fläche zum Hinterlassen eines Schriftzugs herausgefordert gefühlt …
Erika und Klaus – an den Gleisen – Arnulfpark
Erika und Klaus liegen ganz nach beieinander, als Geschwisterpaar, in einem 2004 auf dem ehemaligen Gelände der Deutschen Bahn angelegten Neubaugebiet, dem Arnulfpark. Hier, entlang der Gleisstrecke, zwischen Hacker- und Donnersbergerbrücke und der Arnulfstraße, war noch Platz, so dass dieser Ort relativ zentral liegt – auch wenn er durch seine Lage nicht so wirkt und immer noch etwas von „uncharted territory“ hat. Vielleicht passt die Nähe zu Gleisen und Bahnhöfen nicht schlecht, waren die Geschwister doch viel unterwegs (wenn auch häufiger mit dem Auto). Hier sind die Nachbarn z.B. Lilli Palmer, Marlene Dietrich und Bernhard Wicki. Erika ist damit mit Schauspielern ihrer Generation zusammengebracht, gleichzeitig damit auf ihre „Rolle“ auch festgelegt, sie, die so vieles war: Kabarettistin, Schriftstellerin, politische Aktivistin, Herausgeberin der Schriften ihres Vaters … Die Leuchten sind funktional-modern, entsprechend der Bauzeit, und so könnte man auch hier einen Generationenunterschied zur Leuchte des Vaters in Bogenhausen ausmachen.
Elisabeth Mann Borgese – Baustelle – Riem
Elisabeth Mann Borgese war das jüngste Kind der Manns. Die 2004 nach ihr benannte Straße liegt in einem Baugebiet in der Nähe des ehemaligen Flughafens Riem, der heutigen Messe; ich fahre mit dem Rad dorthin, brauche etwa 1 ½ Stunden (so lange wie in Rom zur Via Thomas Mann). Als ich das Schild fotografiere, fragen Bauarbeiter misstrauisch, was ich da mache, in wessen Auftrag, das Fotografieren der Baustelle sei verboten. Nur mit Mühe kann ich sie davon überzeugen, dass es mir allein um die Schilder geht … Aber das ist auch eine Erfahrung, die zur Arbeit im öffentlichen Raum gehört: Man muss sich mit den Leuten vor Ort auseinandersetzen. Dem Neubaugebiet entspricht das Design der Leuchte, die noch etwas mimimalistischer auftritt als die von Erika und Klaus, mit Glaszylinder und aufgesetzter Reflektorscheibe.
Auf den Schildern ist der Name „Mann“ stets präsent. Im Fall von Elisabeth dominiert dieser Familienname gegenüber den Vornamen, der abgekürzt wird: „Elis. Mann – Borgese“; Das hat natürlich technisch-funktionale Gründe, da der Name, voll ausgeschrieben, zu lang wäre und mit der maximalen Zeichenzahl für Straßenbenennungstafeln (so die offizielle Bezeichnung) in Konflikt käme.
Dabei ist gerade Elisabeth sehr eigenständig, als Anwältin der Rechte der Meere und Mitglied des Club of Rome. Elisabeth, ist hier mit der Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin Selma Lagerlöf zusammengespannt – obwohl sie einen nicht-literarischen Beruf hatte – in der Familie Mann die Ausnahme. Geschrieben hat sie natürlich trotzdem!
Golo in Freiham – Neubau, Westen und Bundesrepublik
Die Straße, die nach Golo benannt ist, liegt ganz in entgegengesetzter Richtung, schon außerhalb des eigentlichen Stadtgebiets, im Westen, in Freiham. Dort entsteht ein komplett neues Viertel. So neu, dass es bei meinen Besuchen 2018/19 zwar schon provisorische Masten aus Holz gab, aber der Straßenname noch nicht angebracht war – wurde der Beschluss der Benennung doch erst kurz vorher gefasst, 2017. Insofern laufen die Erstellung des Denkmals und der Straße parallel. Diesen Moment beschließe ich in das Denkmal zu übernehmen, und auch dort einen Holzmast zu verwenden, was das Provisorische einfängt und die Vielfalt an Materialien und Konstruktionen erhöht. Auch das Schild fügt mit „Weg“ den Ortsbezeichnung eine neue Variante hinzu. „Weg“ deutet das Schmalere, weniger Befestigte, eher zu Fuß Begangenene als Befahrene an. Assoziativ passt das zum leidenschaftlichen Wanderer. Golo ist hier per Straßennamen mit Persönlichkeiten des Nachkriegszeit in Verbindung gebracht, vor allem der deutschen, in seiner Rolle als Historiker, Publizist und Kommentator des Zeitgeschehens: Mit Ellis Kaut, Hans Clarin, Erich Kästner oder Helmut Schmidt, dessen Name schon auf einem der Schilder zu lesen ist. Die Lage im Westen (der Republik) passt dazu. Das Neubauviertel wird aber eher fertig sein als das Denkmal – soviel zeichnet sich 2024 ab – das dadurch seinerseits eine Situation festhält.
Für eine Abstimmung mit dem Landesamt für Denkmalpflege und dem Landesdenkmalrat sind aktualisierte Visualisierungen des Denkmals am Salvatorplatz in München entstanden. Erstaunlich, wie detailliert und realistisch sie sind. Hier wurden unterschiedliche Perspektiven und Lichtsituationen durchgespielt, Texturen. Dank an Florian Froese-Peeck!
Albert Coers: Straßen Namen Leuchten – ein Denkmal für die Familie Mann, 2024, Rendering Florian Froese-Peek.
14.5.24: Auf der Baustelle für das Denkmal am Salvatorplatz werden die Fundamente der Straßenleuchten markiert, mit Farbspray und Kreide. Es entsteht eine Choreographie sich teils überschneidender Kreise und Flächen, mit Korrekturen und eingeschriebenen Zahlen. Die Markierung der vorhergehenden Versetzung einer Leuchte ist noch sichtbar. Auch wenn dies alles wieder verschwinden wird: ein Moment der Zeichnung im öffentlichen Raum.
Rue Thomas Mann, Paris, 2018. Photo: Eva-Maria Troelenberg
Als erster Bestandteil des Denkmals für die Familie Mann wurde im April 2024 das Schild „Rue Thomas Mann“ im charakteristischen Pariser Design am Salvatorplatz in München installiert, an der Fassade der Salvatorgarage. Es nimmt Bezug auf die Straße in Paris, die dort seit 1995 an den „Écrivain allemand“ erinnert, wie auf dem Schild auch steht. Sie liegt im 13. Arrondissement, im zeitgleich zur Benennung neugestalteten modernen Stadtviertel „Gare“, in Nachbarschaft der Bibliothèque François-Mitterrand (Französischen Nationalbibliothek, BnF), was die Wahl des Schriftstellers als Namensgeber umso plausibler macht. Das Schild steht für die literarischen, aber auch politischen deutsch-französischen Beziehungen und die Rolle, die Thomas Manns dabei einnahm. Er schätzte u.a. die Brüder Goncourt sehr, bezog entscheidende Anregungen aus ihren Werken für seinen Familienroman „Buddenbrooks“. Und er war der erste deutsche Schriftsteller, der nach dem 1. Weltkrieg im in Paris öffentlich auftrat, um eine Rede zu halten: „Die geistigen Tendenzen des heutigen Deutschlands“. In der Rolle eines inoffiziellen Kulturbotschafters der Weimarer Republik warb Mann für die deutsch-französische Freundschaft und die Völkerverständigung – siehe auch sein Bericht über die Reise und den Aufenthalt, „Pariser Rechenschaft“. Die Benennung ist auch ein Spiegel der späteren politischen Beziehungen zwischen beiden Ländern, die sich in den 1990er-Jahren intensivierten.
Der Installation am Salvatorplatz vorausgegangen war ein längerer Prozess der Recherche und Kontaktaufnahme, unter anderem über das Goethe-Institut Paris. Letzlich wurde von der Stadt Paris die Freigabe zur Reproduktion des Schildes erteilt, ausgeführt von der Firma LACROIX Signalisation/Signaclic, die auch für die Stadt Paris arbeitet.
Da in Paris Straßenschilder vorwiegend an Hausfassaden angebracht werden, galt es in München eine entsprechende Stelle zu finden. Die Fassade der Salvatorgarage bot sich an, dafür wurde das Einverständnis des Amts für Denkmalpflege eingeholt, sowie der Pächter bzw. Eigentümer, der Bavaria Parkgaragen GmbH und der Bayerischen Hausbau.
Die Montage selbst nahm in Zusammenarbeit mit Albert Coers Florian Froese-Peek vor.
Es ist schon einige Zeit her, dass ich in Lübeck war, dort, wo die Vorfahren der Familie von Thomas Mann lange ansässig waren, wo er selbst, wo Heinrich und seine vier Geschwister geboren und aufgewachsen sind, und wo eine Straße nach ihm benannt ist. Im Sommer 2019 war das. Jetzt, 2024, wo die Realisierung des Denkmals in greifbare Nähe rückt, inklusive des Straßenschildes aus Lübeck, versuche ich, anhand meiner Notizen und Erinnerungen den Aufenthalt zu rekonstruieren.
Der Salvatorplatz München, wo das Denkmal für die Familie Mann aufgestellt werden soll, wird schon mal „vorgewärmt“ und aktiviert: Schüler des Thomas-Mann-Gymnasiums und der Mittelschule an der Peslmüllerstraße, Pasing, erkundeten am 6.3.24 physisch den Platz, sie bildeten dort u.a. eine lebendige Kette um die Fläche, auf der Straßenschilder und Leuchten in Erinnerung an die Mitglieder der Familie Mann stehen werden. Und das bei Regen! Die Aktion ist Teil eines Programms zur Kunstvermittlung von Kunst im öffentlichen Raum an Schulen, geleitet von Barbara Dabanoğlu.
Zurück zu den Anfängen: Im Juni 2018, vor sechs Jahren also, radelte ich zur Thomas-Mann-Straße in Berlin. In meinem handschriftlichen Tagebuch steht als Résume: „Idee für Denkmal verfestigt sich: Straßenschilder.“ Beim Besuch ging es zunächst aber nur um ein erstes Sammeln von Ideen, um eine Anregung durch den Ort. Ich hatte gesehen, dass es dort, neben der Straße, ein nach Thomas Mann benanntes Schwimmbad gibt; und vielfältige Assoziationen stellten sich ein: Schwimmen‑Wellen‑Wasser‑Tod in Venedig‑Tadzio …
Die Straße liegt im ehemaligen Ost-Berlin, im Prenzlauerberg, zweigt ab von der Greifswalder, Richtung Weißensee. Sie wurde 1976 nach Thomas Mann benannt, also zu DDR-Zeiten. Diese Verortung lässt sich auch erinnerungspolitisch an den weiteren Straßenbenennungen, an den Nachbarn von Thomas Mann ablesen: Am selben Pfosten ist der Name des Komponisten Hanns Eisler angebracht. Er floh wie Mann vor dem Nationalsozialismus, emigrierte in die USA. Beide kannten sich, trafen sich im Exil, hatten teils ähnliche Interessen, z.B. am Faust-Stoff. Insofern ergibt eine räumliche Nähe Sinn. Die politische Zuordnung Thomas Manns wird aber noch deutlicher, wenn man sich das weitere Umfeld ansieht:
Jenseits der Greifswalder setzt sich die Straße in der Erich-Weinert-Straße fort, benannt nach dem Schriftsteller, der während des NS-Regimes u.a. in die Sowjetunion emigrierte und nach seiner Rückkehr in der DDR Funktionärsrollen übernahm.
Thomas Mann, dessen politische Verortung nicht ganz einfach war, zwischen Konservatismus und Sozialismus, ist also in einen ganz bestimmten Zusammenhang von linken, antifaschistischen „Kulturschaffenden“ und Zeitgenossen gestellt. In jeder Stadt, das wird sich noch bei den weiteren Recherchen und Reisen zeigen, sieht dieser Kontext anders aus, mal sind es internationale Schriftstellerkollegen, wie Gustave Flaubert und George Sandes in Rom, mal ist es der Kreis der Familie wie in München, wo es auch biographische Anknüpfungspunkte gibt. Diese Zusammenhänge und Nachbarschaften sind Teil der Gedächtniskultur. In Straßenschildern und den Namen der Persönlichkeiten auf ihnen drückt sich Wertschätzung aus – aber auch politische Setzung und zeitgebundene Mentalität.
Ein Straßenname steht außer solchen bewußten Arrangements und Konzepten der Anordnung im alltäglichen urbanen Umfeld, wird durch es beeinflusst, überlagert. Es ergeben sich skurril anmutende Beziehungen; so steht in Berlin der Straßenname im Schatten eines riesigen roten dreidimensionalen Hinweispfeils auf eine Apotheke. Literatur als Heilmittel, könnte man assoziieren. Straßenschilder sind zunächst funktionale Zeichen, zur Orientierung, zur Angabe einer Adresse. In Berlin finden sich Hausnummern unter dem Namensschild, um eine Straße in Abschnitte zu gliedern. Wenn man es aus diesem funktionalen Zusammenhang löst, es freistellt, so dämmerte es mir später, tritt die Gedächtnisfunktion klarer hervor.
Interessant, da orts- und zeittypisch, ist auch die typographische Gestaltung: Schwarz auf Weiß, im Gegensatz zu der in den meisten Städten, etwa in München, verwendeten Variante Weiß auf Blau, eine serifenlose Schrift, was Strenge und eine gewisse Härte vermittelt. Die Schrifttype ist speziell, elegant, mit dem scharf-eckigen „ß“, an dem die Zusammensetzung aus einem langen „s“ und einem „z“ noch deutlich ablesbar ist. Hier handelt es sich nicht um einen DDR-Font, den man andererorts auch noch findet, sondern um eine neusachliche Groteskschrift aus den 1920ern (Erbar Grotesk), die sich ab den 1930er Jahren in Berlin verbreitete – und damit zu Lebzeiten von Thomas Mann -, nach der Wende dann (wieder) für zu ersetzende oder neue Straßenschildern in den Ostteilen verwendet.
Was für den Standort weiter charakteristisch ist: die Straßenleuchte, mit dem Mast aus Gussbeton, mit einem nach unten offenen, ornamental geriffelten Glaszylinder. Hier handelt es sich tatsächlich noch um ein DDR-Fabrikat.
Zeitlichkeit lässt sich neben der Schrift aus Materialität und Zustand der Schilder ablesen. Sie verwittern, Staub lagert sich ab; es bilden sich schwarze Spuren, Streifen, die Sonne bleicht die Schrift aus, sie ist z.B. auf einem Schild fast verschwunden, kaum noch lesbar; ähnlich wie Inschriften auf alten Grabsteinen.
Auf der Rückfahrt komme ich an einem Friedhof in Mitte vorbei, ich glaube, es ist der Alte Garnisonsfriedhof, wo ich vor Jahren jenseits der Friedhofsmauer eine Schichtung, einen Haufen von Straßenschildern gesehen hatte, die wohl für eine Baustelle demontiert waren, die Linienstraße, Gormannstraße etc. Daran erinnerte ich mich jetzt und suche Fotos wieder heraus, die ich damals gemacht habe, 2008 war das.
Und es keimt die Idee, dass eine Installation mit Straßenschildern ein Erinnerungszeichen für die Manns sein könnte. Doch zunächst will ich weitere nach den Manns benannte Straßen aufsuchen, in anderen Städten, als nächstes in München, wo auch das Denkmal stehen soll.
Kürzlich konnte ich endlich zwischen Leuchten und Schildern des Denkmals für die Familie Mann am Salvatorplatz umhergehen. Hier das Ensemble der dicht stehenden Leuchten aus München, Rom und anderen Städten in Augenschein nehmen, dort die aus New York, dort die aus São Paulo. Konnte den Arm dieser Leuchte drehen, diesen Mast etwas verschieben, den Eindruck testen.
Dies fand statt in in der Halle 6, einem Studio in München. Florian Froese-Peek hatte das digitale Modell für eine VR-Simulation eingerichtet. Die Erfahrung ähnelte anderen mit virtueller Realität, die ich sporadisch bei Ausstellungen gemacht hatte, war jedoch länger und intensiver. Meine Rolle war auch anders: Ich war kein bloßer Betrachter, sondern durfte mich als Akteur, Architekt, Entwerfer fühlen – was ich ja faktisch auch bin. Und einen Raum betreten mit Objekten, die nicht der Fiktion entstammen, sondern mir aus anderen Modellen und aus der Anschauung vertraut sind, mit denen ich inzwischen eine emotionale Beziehung aufgebaut habe, die ich mir wünsche; und so war es eine seltsame Mischung aus real und fiktional, aus einem Arbeitsprozess, der sich auf ein vorhandenes Pendant bezieht, der aber auch Momente des „als ob“, des Spielerisch-Leichten hatte.
Nach dem Anlegen der Brille und dem Greifen der Steuersticks, die Extensionen des Körpers, gleichzeitig Schnittstellen zwischen real und virtuell darstellen, wird zunächst eine Raumbegrenzung, eine leuchtende Linie auf den Boden gezeichnet, eine Art Spielfeld, innerhalb dessen man sich bewegt. Geht man darüber hinaus, stößt man auf eine Wand, die warnend aufleuchtet, man kann Arme oder den Kopf hindurchstecken; es tun sich Löcher auf, rot umrandet, hinter denen die nackte Realität zum Vorschein kommt, Wände, Türen.
Die entstehende Modell-Welt ist schön aufgeräumt, reduziert auf die für uns wesentlichen Elemente zur Beurteilung des optischen Eindrucks. Um ein möglichst realistisches Bild zu bekommen, gleichen wir die Betrachterhöhe mit den Maßen der Leuchten ab, vergleichen Sonnenstand und Einfallswinkel des Lichts mit den Bedingungen am Salvatorplatz. Es geht also sehr viel um 1:1 Entsprechungen, gar nicht um die Schaffung einer Fantasiewelt. Reizvoll sind Dinge, die drüberhinausgehen, einfach passieren, die auf kleinen Programmfehlern oder selbständigen Dynamiken beruhen: Das Literaturhaus sieht in der Frontalansicht aus, als ob dort Eiszacken wüchsen, die Querwände sind ausgefasert. Und Gras wächst auf der Leuchte aus Sanary-Sur-Mer, wir wissen nicht warum, vielleicht hat das Programm einige dekorative Elemente aus seiner Gartenabteilung hinzugefügt, hat mit der grünen Farbe des Masten Rasen assoziiert … Das würde auch gut zur Ausstellung „glitch – die Kunst der Störung“ passen, die zur Zeit in der Pinakothek der Moderne zu sehen ist.
Es ist ein spannender Moment, als ich per Steuerknüppel abhebe, den Standpunkt vom Boden in die Höhe verschiebe, in der Luft, in sechs Metern herumgehe, parallel zu den Fenstern des Literaturhauses, die Installation von dort aus betrachte. Es ist tatsächlich sehr nahe an einer realen Erfahrung, dem Balancieren auf einem dünnen Steg, dem Gang auf einer Glasplatte, ja dem Fliegen. Man sieht nach unten, die Masten und Leuchten verkleinern sich, die Linien der Gebäude stürzen, Schwindelgefühle steigen auf. Dies ist ein Unterschied zu Momenten des Fliegens in Träumen, wo man sich sicher fühlt, gelöst, selbstverständlich. VR ist hier viel näher an der Realität, da es ja auch mit deren Parametern und rückgekoppelten Sinneseindrücke arbeitet.
Florian sieht diese Erfahrung der virtuellen Realität eher als Mittel zum Zweck, als Testprogramm, und da er diese Methode häufiger benutzt bei Projekten im öffentlichen Raum, ist sie für ihn auch nichts Außergewöhnliches mehr. Er bemerkt, und ich kann das bestätigen, dass es auch anstrengend sei, sich in diesen virtuellen Räumen zu bewegen, von der Konzentration und der körperlichen Sensomotorik her, dem ständigen Abgleich der Eindrücke und Bewegungen. Und da die Ästhetik stark der von Computerspielen ähnle bzw. auf solche Anwendungen abgestimmt sei, habe man danach kaum mehr Lust auf solche Spiele in seiner „Freizeit“. Spiel und Arbeit werden also miteinander vermischt.
Die Leichtigkeit, mit der sie sich erstellen und verändern lassen, macht Modelle attraktiv. Doch haben sie ihre eigene Realität und ihr Eigenleben, sind keine bloßen Zwischenstufen auf dem Weg zum Endergebnis. Das ist beim Modell aus Pappe und Karton so, ebenfalls beim VR-Modell. Und sie gehören alle zum Denkmal und seinem Entstehungsprozess.
Eine am Platz vorhande Leuchte wurde im April 2024 zur Platzmitte hin versetzt und in das zukünftige Ensemble integriert. Es ist die Leuchte, die später das neu angefertigte Schild „Katia-Mann-Platz“ tragen wird. Die Kombination der Leuchte vom Typ eines historischen Kandelabers, die bereits am Platz steht, mit dem Namen der in München aufgewachsenen Katia Pringsheim ist bewusst gewählt. Mit der Versetzung der Leuchte, noch vor der Installation des Restes des Ensembles, entsteht am Platz eine erst auf den zweiten Blick wahrnehmbare Veränderung. Eine interessante Zwischenstufe des Denkmals, auch zusammen mit dem bereits montierten Schild an der Fassade.
Außerdem wird Strom verlegt. Dank an das Baureferat für die Planung und Organisation und die Firma SPIE für die Ausführung der Arbeiten!
Der Stromkasten für das Denkmal ist gesetzt, das ja auch aus Straßenleuchten bestehen soll. Er befindet sich an der Jungfernturmstraße, an der alten Stadtmauer, neben weiteren Anschlusskästen. Gegenwart trifft auf Geschichte, die Mauer aus dem typischen Rotziegel war Teil der mittelalterlichen Stadtbefestigung Münchens und stammt aus dem 15. Jahrhundert. Leicht erkennbar ist der weiße neue, passend zum Straßennamen, jungfräuliche Kubus – er ist noch nicht mit Graffiti-tags besprüht und noch nicht verwittert. Es war mir wichtig, dass der Stromkasten nicht am Salvatorplatz selbst steht und dort ein weiteres skulpturales Element bildet, zusätzlich zu den Schildern und Leuchten. Auch gibt es so keine Probleme mit dem Denkmalschutz, der gegen die Aufstellung vor der geschützten Fassade Einwände gehabt hätte. Das bedeutet einigen Aufwand, denn vom Kasten muss noch ein Kabel zum Platz gelegt werden. Aber ich bin froh über die Entscheidung und darüber, dass schon mal der Kasten steht – damit ein erstes Element des Denkmals und seiner Infrastruktur. Dank an die Firma Walter Ehmann!
Als Ergänzungen zu den Straßenbenennungsschildern aus München sind Tafeln fertig geworden, die Informationen zu den Mitgliedern der Familie liefern und unterhalb der Schilder angebracht werden. Zusatzinformationen sind somit integraler Bestandteil des Denkmals. Die Texte liefern knappe Biographien zu Thomas, Katia, Klaus, Erika, Golo Mann und Elisabeth Mann. Sie entstanden in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Stadt München, Abteilung Public History (ehemals Institut für Stadtgeschichte und Erinnerungskultur). Die technische Realisierung übernahm das Baureferat München.
Bislang gab es diese Schilder nur für Thomas, Klaus und Erika Mann. Insofern lag es für mich nahe, alle Münchner Straßennamen mit solchen Ergänzungsschildern zu versehen und um solche für Katia, Golo und Elisabeth Mann zu ergänzen.
Die Schilder sind aus emailliertem Metall und daher im Vergleich zu ihrer Größe (15 x 45 cm) ziemlich schwer. Anlaß, die Schilder auf eine Personenwaage zu legen – und das Gewicht der Namen und Informationen zu testen.
Nach langer Reise ist im Oktober 2023 das letzte der Straßenschilder eingetroffen, das Bestandteil des Denkmals werden wird, aus Brasilien, eine Kopie des Schildes der Rua Thomas Mann in São Paulo. Produziert wurde es von CSV Sinalização in Campina/São Paulo, einer auf Signaltechnik und Schilderdruck für den öffentlichen Raum spezialisierten Firma. Dank zahlreicher Aufkleber, Stempel und Zollvermerke ist es auch ein Mail-Art-Objekt.
Dieser Tage wurde die Leuchte fertiggestellt, die innerhalb des Denkmals auf diejenige in Pacific Palisades/Los Angeles verweist, die dort vor dem Haus steht, das Thomas Mann mit seiner Familie während seines Exils in Kalifornien bewohnte, dem heutigen Thomas Mann House. Die Kunstgießerei Anton Gugg hat dafür einen Aluminiumguss angefertigt. Damit ging abermals ein längerer Prozess zu Ende: Nach Fotos, die ich 2019 gemacht hatte, und nach Plänen der Public Works Los Angeles wurde ein digitales Modell der Leuchte gezeichnet, vom Künstler Florian Froese-Peek, mit einem 3‑D-Drucker in ein dreidimensionales 1:1 Modell aus Kunststoff übertragen, dann im Ausschmelzverfahren gegossen. Ich hatte Pacific Palisades im Herbst 2019 besucht – siehe der Blogeintrag. Lange hatte ich recherchiert und mich bemüht, eine Leuchte von dort zu bekommen – was sich als schwierig herausstellte. Auch der Transport nach Deutschland wäre ein langwieriges Unternehmen gewesen, wie ich am Beispiel der in den USA produzierten Leuchte nach dem Modell in New York feststellen musste. Letzen Endes habe ich mit der Reproduktion den Rat von Bob Gale befolgt, Drehbuchautor und Filmproduzent (unter anderem „Zurück in die Zukunft“), der in der Nachbarschaft wohnt. Er schrieb damals: „My suggestion is that you have the fixture extensively photographed and measured, and then duplicate it in Germany. This would be the most cost effect and simple solution.“ Dieser Vorschlag kommt sicher nicht von ungefähr von einem, der in der Filmbranche zu Hause ist, in dem oft mit Requisiten und Nachbildungen gearbeitet wird. Und vielleicht passt das Konzept der Replik einer Leuchte aus den 1920/30er- Jahren mittels moderner digitaler, aber auch traditioneller Verfahren, für ein Denkmal, das in der Zukunft – voraussichtlich im Spätherbst 2023 – aufgestellt werden soll, ja auch zum Motto „Back to the Future“.
Vor ein paar Tagen kam als Beitrag der südfranzösischen Gemeinde Sanary-sur-Mer zum Denkmal für die Familie Mann die Leuchte bzw. der Kandelaber, wie historische Leuchten gerne genannt werden. Im Herbst 2020 hatte ich den einstigen Emigrationsort der Familie Mann besucht.
Der Kandelaber kam gut verpackt von der Fonderie de Roquevaire, welche ihn restauriert hatte, und wurde am Bauhof in München entgegengenommen, vermessen – und beschriftet. Als kleiner Nebeneffekt vertauschten sich Buchstaben in meinem Namen und ich wurde so zum „Corse“(n).
Die Jahrestagung 2021 beschäftigt sich mit Orten des Exils und der Migration und ihrem Verhältnis zu Erinnerungskulturen und regt den Austausch zwischen der Exilforschung und anderen Forschungsrichtungen an, die sich mit (erzwungener) Migration und Flucht befassen.
Mehr Informationen, Programm und Ameldung hier.
Am 21. 3.2021 gab es auf Bayern 2 im Kulturjournal das Radiofeature „Schöner Schilderwald. Der Künstler Albert Coers und sein Münchner Denkmal für die Familie Mann“ von Astrid Mayerle. Hier zum Nachhören.
Eine Reise Ende September 2020, die ich trotz Corona-Bedenken doch antrete: Gegen Mitternacht komme ich mit dem Zug aus Marseille an. Die Ansagen der Haltestellen habe ich gespannt mitverfolgt, um das Aussteigen nicht zu verpassen. Der Bahnhof, für die Ortschaften Ollioules und Sanary-sur-Mer zusammen angelegt, ist menschenleer, aber hell erleuchtet – was mich auf das Thema der Leuchten einstimmt.
Am 6.10. bin ich erneut zu einem Ortstermin in Frankfurt: zur Übergabe der Straßenschilder vom Klaus-Mann-Platz, die Bestandteil des Denkmals für die Familie Mann in München sein werden.
Nach langer Corona-Pause wieder Fahrten zu den Orten der Manns, in die Schweiz, zur Entgegennahme von Leuchten und Schildern. Zwar ließe sich das per Post senden, doch finde ich es interessant, zu den Orten und Leuten (freudscher Vertipper: Leuchten) zu fahren, selbst wenn das mehr Arbeit macht.
Im Mai 2020 wurden die Schilder von Thomas Mann, Golo, Erika, Klaus, Elisabeth fertig, nach denen in München Straßen und Plätze benannt sind – und auch die extra angefertigten Schilder für Katia Mann, für die bisher noch keine Benennung existierte. Ich konnte sie beim Baureferat München abholen.
Auf Einladung der Klaus Mann Initiative Berlin stelle ich am 6.6.2020 im Literaturforum im Brecht-Haus in Berlin das geplante Denkmal für die Familie Mann vor, berichte von Recherchereisen und vom Prozess der Verwirklichung, im Gespräch mit Karl Kelschebach. Dazu gibt es Lesungen ausgesuchter Texte von Thomas und Klaus Mann, passenderweise am 145. Geburtstag von Thomas Mann. Es lesen Nora Kelschebach und Michael Navratil. Hier der Stream der Veranstaltung
Im Juni 2019, also vor fast einem Jahr, war ich in Rom und Palestrina, um die nach Thomas Mann benannten Straßen zu erkunden, im Hinblick auf das Denkmal für die Manns in München. Im Rückblick auch interessant, wie selbstverständlich das Reisen und die Bewegung in öffentlichen Raum war – im Kontrast zur Jetztzeit, 2020.
Die Unterschiede zwischen den einzelnen Manns und ihrer Rezeption treten auch in den Straßennamen und ihren Schildern zutage. Frankfurt ist eine der wenigen Städte – neben München die einzige – in der eine Straße oder ein Platz nach Klaus Mann benannt ist. Ich rufe bei der Stadt Frankfurt an und frage nach dem Schild, um es ins Denkmal einzubauen. „Thomas Mann können sie gleich haben, Klaus Mann haben wir leider gerade nicht“ ist die Auskunft.
In São Paulo wohne ich im Hotel Lux, passend zum Leuchtenprojekt. Direkt davor befindet sich ein Platz mit der Fonte Monumental der Bildhauerin Nicolina Vaz, einem Marmorbrunnen aus den 1920er Jahren, an dessen Rand riesige Langusten als Skulpturen hochklettern, zum Teil mit Gesichtern von Menschen. Nachdem der Brunnen lange Zeit verwahrloste, Treffpunkt von Dealern war, Schlafplatz von Obdachlosen, hat die Stadt ihn in den letzten Jahren restauriert und durch Schutzwände aus Glas eingezäunt – was allerdings die Probleme auch nicht gelöst hat. Nachts ist er zur Beleuchtung, aber auch zur Überwachung und Abschreckung in grelles Scheinwerferlicht getaucht. Bizarr, die ganze Anlage, und auch etwas traurig: dass man öffentliche Kunst so unter einen Glassturz stellen muss, und die Bronzetiere durch solche aus Glasfaser ersetzen, weil sie sonst geklaut werden – und dass der wirtschaftliche Druck so groß ist, dies zu tun. Das hatte sich die Künstlerin wohl nicht so vorgestellt. Aber das alles gehört zum Thema „Kunst im öffentlichen Raum“.
Mein Aufenthalt in São Paulo und die Reise insgesamt geht dem Ende entgegen. Nun gilt es, zum Abschluss noch etwas Handgreiflich-Materielles nach Deutschland mitzubringen, ähnlich wie aus Nidden: eine Leuchte und/oder ein Schild. Das Beschaffen einer Originalleuchte aus der Rua Thomas Mann dürfte, anders als im kleinen, übersichtlichen Nida in Litauen, schwierig werden. Ich stelle mir die technischen Abteilungen dieser Metropole weitverzweigt vor (man hatte mich vor der Bürokratie in Brasilien gewarnt) und noch keinen Kontakt herstellen konnte. Aber vielleicht gelingt es trotzdem, eine Leuchte zu organisieren.
Ich schreibe an die Abteilung für Straßenbeleuchtung, „Ilume“ bei der Stadtverwaltung São Paulo – und gehe dort vorbei, in der Avenida Libero de Badaro. Bekomme am Empfang ein Besucherschild, ähnlich wie in Los Angeles, und darf wieder mit dem Aufzug hinauffahren. Vor dem Büro ein Fußabstreifer mit den einladenden Schriftzug „ILUME“. Mir gefällt der Kontrast zwischen dem Wort für ‚Licht’ und dem schwarz-braunen Objekt mit den Buchstaben auf dem Boden, an dem man sich die Füße abputzt.
Man hat meine vor wenigen Stunden geschriebene Mail bereits gelesen und erwartet mich, wie ich freudig überrascht feststelle. Die Namen der Mitarbeiter klingen für mich italienisch-vertraut. Wir diskutieren in einem Büro im Übersetzungswechsel von Englisch und Portugiesisch. Es scheint möglich, eine Leuchte, wie sie in der Rua Thomas Mann steht, zu bekommen, schnell und ganz unbürokratisch.
Anschließend im Laufschritt in die Prefeitura, ins Rathaus, zum Treffen mit Bruce Scheidl Campos, Ressort „Internationale Beziehungen“, mit dem ich durch Vermittlung aus Deutschland in Kontakt kam. Ein mächtiger Klotz mit Pfeilern aus Kalkstein, das Edifício Matarazzo oder Palácio do Anhangabaú, entworfen von Marcello Piacentini, einem Architekten des italienischen Neoklassizismus-Faschismus. Um dem Gebäude etwas von seiner Austerität zu nehmen, hat man ihm einen Dachgarten aufgesetzt und illuminiert es nachts mit einem roten Leuchtstreifen. Der Eingang ist von der Polizei mit Sicherheitsband abgesperrt. Innen eine riesige Halle, mit einer Karte Brasiliens und seiner Handelsgüter an der Wand. Eine geballte Ladung staatstragender Imponiergesten.
Das Treffen selbst dagegen ist nett. Bruce spricht auch Deutsch; seine Großeltern kamen aus Österreich; eine südamerikanische Einwanderungsgeschichte, siehe ja auch die Manns Generationen vorher. Ich kann vom den Verhandlungen mit ILUME berichten. Bleibt noch das Straßenschild „Rua Thomas Mann“. Bruce, obwohl eigentlich von einer ganz anderen Sektion und sonst eher für die Anbahnung von Handelsbeziehungen zuständig, verspricht, sich darum zu kümmern.
Noch habe ich das Schild allerdings nicht in der Hand und denke daran, es gleich an Ort und Stelle abzuschrauben. Andererseits – wäre das nicht ebenfalls eine Entwendung öffentlichen Eigentums, ähnlich dem Langustenklau an der Fonte Monumental, nur mit geringerem Material- und Kunstwert? Und werden sich die Anwohner nicht fragen, wo ihre Rua Thomas Mann geblieben ist? Nein, der Ehrgeiz sollte sein, es auf offiziellem Wege zu beschaffen, auch wenn es noch einige Monate dauert.
Dagegen kann ich bereits ein paar Tage später, nach der Rückkehr aus Curitiba, bei ILUME eine Schachtel mit Lampe, Ersatzbirne nebst technischer Dokumentation in Empfang nehmen. Und eine Bescheinigung, dass es sich um einen Gegenstand „sem valor comercial“ handle, falls man mich beim Zoll danach fragt. Für mich ist diese Leuchte aber höchst wertvoll. Erstaunlich, was so ein industrielles Massenprodukt, ein Alltagsgegenstand, noch dazu schon länger in Gebrauch, auf einmal für einen ideellen Wert bekommt. Schleppe die Lampe auf der Schulter durch die Stadt zum Hotel Lux. Es ist nicht weit und tut gut, endlich ein Ergebnis in Händen zu halten.
Dann steht und liegt die Leuchte im Hotelzimmer. Sie ist wie ein Mitbewohner und nimmt Züge eines Robotorwesens an, mit dem Körper aus Metall, der kopfartigen ovalen Form, der Glasscheibe vorne, die ein Gesicht suggeriert, und den filigran-beweglichen Kabelfortsätzen.
Die Leuchte will auch noch weiter transportiert sein. Dazu kaufe ich in einem Haushaltswarenladen in der Nähe einen leichten Klappkarren aus Alu, in einem anderen einen Gummiexpander (zwei wären besser gewesen). Auf der Suche nach Verpackungsmaterial zum Auspolstern der Schachtel finde ich abends auf der Straße Styropor und Kartonagen, Eierkartons. Dabei gerate ich aneinander mit professionellen Sammlern, Altpapierhändlern von der Straße, die sich in ihrem Geschäftsmodell verletzt fühlen. Sie mache sich die Hände schmutzig, sichere so ihren Lebensunterhalt, setzt mir eine Frau eindrücklich auseinander. Ich kaufe ihr das Material schließlich ab, akzeptiere, dass auch das Weggeworfene und seine Aufbereitung einen Wert hat.
Am nächsten Morgen geht es zum Flughafen. Das Wägelchen mit der Schachtel rollt sich gut. Die Befestigung mit Gummispanner, Plastikstreifen und Leukoplast-Tape wirkt allerdings ziemlich improvisiert. Aber der Verbund wird nicht beanstandet, ist lediglich als Sperrgepäck zu deklarieren. Die Leuchte gleitet auf ein Fließband, verschwindet dann im Dunkel hinter einem Vorhang. Sie wird ihren Weg nach Deutschland finden, so hoffe ich. Das tut sie auch, genauso wie ich selbst, nach einer Zwischenlandung in Bogotá – die eigentlich nur 12 Stunden dauern sollte, sich aber zu einem Aufenthalt von mehreren Tagen auswächst. Aber das ist eine andere Geschichte …
Nachts im Bus nach Curitiba, einer Großstadt etwa sechs Stunden von São Paulo Richtung Westen, wo es eine weitere Rua Thomas Mann gibt, die ich noch besuchen will. Klasse „Leita“ („Bett“) – die Sitze lassen sich fast bis zur Waagrechten klappen, es ruckelt trotzdem ganz schön. Freue mich darauf, dem Freitag-Feiertagsbetriebs des Allerheiligentages in São Paulo zu entfliehen, in aller Frühe (4.30) in einer Stadt anzukommen, deren Name mir bis dahin unbekannt war.
Die Luft ist mild, kühler als in São Paulo, es zwitschern Vögel, große Bäume am Busbahnhof, ihr mattes Grün in der Dämmerung angenehm. Es wird Tag. Pastellfarbene Hochhäuser tauchen auf, Schnellstraßen. Curitiba scheint wie eine sauberere, grünere und kleinere Version von São Paulo (bei 1,7 gegenüber 12 Millionen Einwohnern), in der sich die Stadtutopien der 1950er und 60er Jahre entfalten konnten und nicht überwuchert wurden. Hellviolette Blüten an den Bäumen und auf dem Pflaster.
Warten auf einen Bus, neben einer Hinweistafel zur
Stadtgeschichte, mit Klebebuchstaben, die sich gelöst haben. Abgeblättert
ergeben sich neue Kombinationen und Wörter.
Das Oskar-Niemeyer-Museum – mir bislang unbekannt und riesig, wie die Bauwerke und Monumente des Brasilia-Architekten allgemein: ein auf einem Pfeiler-Sockel schwebender Körper, durch zwei flach gespannte und spitz aufeinandertreffende Bögen gebildet, an den Seiten verglast, durchaus beeindruckend. Keine Furcht vor großen Zeichen und Formen, eine Architektur-Skulptur. Vielleicht zu viel „Zeichen“. Auge-Sehen-Kunst-Museum – die Assoziationskette läuft mir zu glatt ab.
Mit einem Leihrad, das gerade jemand vor dem Museum abstellt, Richtung Rua Thomas Mann. Trickreich: man darf sich nur innerhalb eines bestimmten Gebietes bewegen und nur dort das Rad abstellen. Radle los, einem Radweg nach Norden entlang. Unterwegs komme ich an einer Ansammlung niedriger weißgestrichener Holzhäuser vorbei, die an ein Schtetl erinnert, ein Freilichtmuseum und zugleich Gedenkort an die polnischen Immigranten im 18. und 19. Jahrhundert nach Brasilien (Bosque João Paulo II.). Diese Präsenz europäischer Migration, gerade aus Mittel- und Osteuropa, lässt wiederum an die Familie Mann denken, in der Thomas‘ Großvater mütterlicherseits, Johannes Ludwig Bruhns, von Lübeck nach Brasilien übersiedelte – ich hatte über diese Geschichten der Einwanderung ja auch einiges in São Paulo erfahren, unter anderem im Gespräch mit Matthias Makowski und Jörg Hayer vom Goethe-Institut.
Hier in Curitiba führt der Weg zu einem Park und See. Weiter reicht die Zone nicht – abstellen und zu Fuß weiter. Am Rande des Parks will ich abkürzen und stoße auf einen Drahtzaun – ein Loch lässt mich durchschlüpfen. Dahinter Urwald – oder was ich mir darunter vorstelle. Der Boden dicht bewachsen mit Farnen und Gebüsch. Wie auf einem Bild von Thomas Struth. Angrenzend Grundstücke, Mauern, Zäune. Um herauszukommen, muss ich über einen klettern.
Durch eine Gegend mit kleinen und größeren Villen. Danach wird es sehr ländlich, niedrige einstöckige Häuser, neben der Straße ein Bach mit Hütten und Gärten. Hier haben sich als erste polnische Einwanderer niedergelassen, wie ich später erfahre, und in der Tat könnte man sich an osteuropäische Landstriche erinnert fühlen.
Endlich die Rua Thomas Mann, im Viertel Barreirinha, wie auf den Schildern quasi als Untertitel steht. Unspektakulär, eine ganz normale Straße – und gerade darin interessant. Die Straße scheint „ein ganz klein wenig netter als die in São Paulo“. So schrieb mir nach einem virtuellen Rundgang schon Fredric Kroll, Experte für die Familie Mann, besonders für Klaus, und deren Rezeption. Und in der Tat, jetzt vor Ort wird das auch im Detail sichtbar: Der Mast ist weniger bröckelig, das Schild unzerknautscht, in besserem Zustand als sein dortiges Pendant. Intelligent die Anbringung, die ohne Verschraubung auskommt.
Gerade als ich Fotos mache, nähert sich ein Auto mit offener Heckklappe, den Kofferraum voller Kartons, und hält an der Einmündung zur Hauptstraße, unter dem Straßenschild. Per Lautsprecher werden Haushaltswaren wie Töpfe, Pfannen angeboten. Einbruch der Gegenwart und schöner Kontrast zu „Thomas Mann“.
Der Mast am anderen Ende der Straße ist sogar mit zwei Leuchten bestückt, die in unterschiedliche Richtungen weisen – und ganze Bündel von Leitungen laufen auf ihn zu, führen von ihm weg. Thomas Mann als Knotenpunkt im Beziehungsgeflecht, könnte man frei assoziieren. Auch sein Name ist eingebettet in ein Assoziationsfeld: Die Nachbarstraße ist benannt nach einem Namensvetter und europäischen Schriftstellerkollegen, der freilich einer ganz anderen Epoche angehört, Thomas Morus, Autor von „Utopia“. Vielleicht lief die Auswahl der Straßennamen tatsächlich über den gleichen Vornamen und den Anklang des Nachnamens. Auch fungieren weiter überwiegend philosophische Schriftsteller wie Montesquieu und Voltaire als Namensgeber, und es könnte sein, dass Thomas Mann hier in seiner Eigenschaft eben weniger als Romancier denn als politisch-philosophischer Schriftsteller und Essayist gewählt wurde.
Interessant in puncto „Stadtmobiliar“ finde ich auch die Müllständer vor den Häusern. Auf Metallpfosten, um Abstand zum Boden zu schaffen und Ratten und Ungeziefer fernzuhalten, thronen skulpturale korbartige Behälter, in die man seine Mülltüten stellen kann. Boden und Seitenflächen sind ornamental durchbrochen, was der Belüftung zugute kommt. Die Anwohner haben die Ständer variiert und angepasst, sie sehen immer etwas anders aus.
In der Nähe zeichnet sich hinter einer Schule und Bäumen ein seltsames Bauwerk in leuchtenden Farben ab, ein Leuchtturm, wie man ihn hier im Binnenland nicht erwarten würde. Es ist der „Farol do Saber Antonio Machado“, eine kommunale Bibliothek, eingerichtet 1996. Von diesen Turm-Bibliotheken hat die Gemeinde Curitiba über 40 im Stadtgebiet verteilt. Die Bibliothek ist gleichzeitig auch Denkmal für den spanischen Schriftsteller Antonio Machado, 1875 geboren, im selben Jahr wie Thomas Mann! Inspiriert ist der Bau inspiriert vom legendären Leuchtturm und der Bibliothek des antiken Alexandria, zwei ganz unterschiedlichen Einrichtungen, die jetzt hier symbolisch verknüpft werden – was aber besonders interessiert, da Stadt und Name für mich Ausgangspunkt mehrerer Rechercheunternehmen und Installationen waren, siehe das Projekt ENCYCLOPEDIALEXANDRINA. Diese Bezugnahme lässt die hohe Bedeutung erahnen, die man an einer Stadtteilbibliothek beimisst, ein Leuchtturmprojekt gewissermaßen für das Stadtviertel. Ein schöner Zufall, dass die Leuchten-Metapher sich in unmittelbarer Nachbarschaft befindet zu den Straßennamen-Leuchten mit dem Namen Thomas Mann.
Zurück zum Park, zum Rad, das da noch steht, dann wieder in die Innenstadt – mit einem Zwischenstopp an einem monumental-pompösen Granit-Denkmal für die Unabhängigkeit der Provinz Paraná aus den 1950er Jahren (Platz des 19. Dezember) – zum Busbahnhof. Rückfahrt nach São Paulo. Sehne mich nach Ruhe.
Im Bus Notizen über Curitiba und das Gesehene – doch dann stürzt word ab, die Datei ist verschwunden. Nur noch vage Erinnerungen an einen Text und einen Aufenthalt, den ich viel später versuche zu rekonstruieren.
Von Los Angeles nach São Paulo, auf der Suche nach den Manns, nach Straßennamen und ‑leuchten. Zunächst hatte ich gedacht, einmal auf dem amerikanischen Kontinent, fahren wir auch nach Südamerika – und die Strecken unterschätzt. Was auf der Karte nur eine Handspanne entfernt scheint, sind in Wirklichkeit ca. 10 000 km Luftlinie. Auf dem Landweg innerhalb des gesetzten Zeitrahmens kaum möglich – also doch wieder ein Langstreckenflug.
Die
Entfernung ist auch groß bezogen auf die Manns, ihre Biographien und ihre
Rezeption: In Nordamerika lebten und arbeiteten sie lange Jahre, wurden teils
auch US-Staatsbürger; Michael blieb dort, Elisabeth ging nach Kanada. Trotz
dieser Präsenz haben sie keine Spuren in Form von Straßennamen hinterlassen.
Auf dem südamerikanischen Kontinent dagegen war von den Manns kaum jemand, und Thomas schon gar nicht. Trotzdem gibt es mehrere Straßen, die nach ihm benannt sind, unter anderem in São Paulo und Curitiba. Womit hängt das zusammen? Wohl mit dem hohen Stellenwert von Literatur in Südamerika allgemein und der Migrationsgeschichte von Deutschen zwischen diesem Kontinent und Europa im Besonderen, wie sie gerade in der Familie Mann deutlich wird: Manns Mutter Julia Silva-Bruhns stammte aus Brasilien, als Tochter von Maria de Silva, aus portugiesischer Familie, und des Lübecker Kaufmanns Johann Ludwig Bruhns, der nach Brasilien ausgewandert war und dort, in São Paulo, eine Firma gegründet hatte. Nach dem Tod seiner Frau ging er mit seinen Kindern nach Lübeck zurück.
In der Biblioteca Mario de Andrade, der zentralen Stadtbibliothek in São Paulo, entdecke ich in der Sektion zur Geographie Brasiliens, neben Würdigungen brasilianischer Fußballspieler, auch eine Biographie der Brüder Mann. Die gehören also auch zur hiesigen (Kultur)Landschaft. Nigel Hamilton betont das brasilianische Erbteil der Mutter und ihren Einfluss auf die literarische Karriere der Söhne, auch ihre politische Haltung: Gerade Heinrich habe viel von der Mutter geerbt, den kämpferischen, leidenschaftlichen, radikalen Geist, während Thomas eher dem Vater nachgeschlagen sei … Nichtsdestotrotz sind Straßen nach Thomas, nicht nach Heinrich benannt.
Die Rua Thomas Mann in São Paulo ist eine Seitenstraße im nördlichen Quartier Casa Verde, wieder einmal etwa anderthalb Stunden Busfahrt vom Zentrum aus, geprägt durch eine Mischung von kleinen Läden, Restaurants und Autowerkstätten. Von Ästhetik ist hier im praktisch-angewandten Sinn die Rede: „Estetica automobilista“ heißt eine Werkstatt, wo geschliffen und lackiert wird.
Thomas Mann befindet sich in Gesellschaft von brasilianischen und internationalen Schriftstellerkollegen, wie dem portugiesischen Lyriker Armando da Silva Carvalho, nach dem die Hauptstraße benannt ist, aber auch von Intellektuellen, die mit Sprache insgesamt zu tun hatten: eine Querstraße zuvor trägt den Namen des Esperanto-Begründers Zamenhof.
Es gibt zwei Arten von Straßenschildern: die offensichtlich älteren an Hauswänden, mit einem weiteren Schild mit Zusatzinformation zur Person, hier „escritor“ und den Lebensdaten. Durch gelben Putz sind die Schilder hier eingerahmt und teilweise überdeckt, sehen aus wie festgemörtelt. Da sie so mit der Architektur verbunden sind, wäre es schwierig, sie in München zu integrieren. Und in dem Fall, bei dem ich schon vorhabe, ein Schild an eine Wand anzubringen, der Rue Thomas Mann aus Paris, muss ich mich noch mit dem Denkmalschutz auseinandersetzen. Zum Glück gibt es aber auch die Variante der Schilder an den Leuchten.
Das Straßenschild weiter unten ist arg zusammengeknickt und ‑gestaucht. Es sieht aus, also ob ein Olaf Metzel hier zu Werke gegangen sei, gewinnt aber gerade in seinen Faltungen eine plastisch-dekonstruktivistische Qualität, die mir sehr gut gefällt. Am liebsten würde ich es gleich mitnehmen.
Wahrscheinlich sind es hohe LKWs gewesen, die das Schild touchiert haben. Wie hoch ist es eigentlich gehängt? Das interessiert mich, auch im Hinblick auf die Münchener Installation.
In der Hauptstraße gehe ich auf die Suche nach einem Werkzeug zum Messen. Im Laden einer alten Dame, die Katzenfutter und Waschmittel anbietet, werde ich leider nicht fündig. In einem Geschäft für Haushalts- und Handwerksbedarf (in Italien wäre es eine mesticceria) sehe ich Meterstäbe, kürzer als die europäische Variante, dafür dicker. Ich entscheide mich dann aber für ein gelbes Metallmaßband. Und messe am Mast herum, messe, wie hoch das Schild mit dem Namen Thomas Mann gehängt ist. Gar nicht so einfach, denn das Band mit seinen drei Metern reicht nicht bis hinauf. Es sind 3,40 Meter, damit höher als in München.
Früh gehen die Straßenleuchten an, etwa um halb sechs, noch vor der Dämmerung. Allerdings nur in manchen Straßenzügen, den Hauptstraßen. Die Seitenstraßen und damit auch die Rua Thomas Mann bleiben noch unbeleuchtet. Es scheint sich um ein Energiesparkonzept zu handeln, das bestimmte Straßenzüge priorisiert – so wie Fluggäste in der 1. Klasse das Essen zuerst bekommen. Ich drehe mehrere Runden, man kennt mich inzwischen im Viertel schon, und endlich gehen auch die Leuchten in den Seitenstraßen an, geben ein rötlich-gelbes Licht – bis auf die eine in der Rua Thomas Mann! Als ob sie sich bewusst verweigern würde. Das könnte überhaupt ein weiteres Konzept sein, um Verbindung und Transfer zu verdeutlichen: Jeweils die eine Lampe leuchtet nicht – aber dafür ihr Pendant in München! Das Licht wäre gleichsam umgeschaltet, umgezogen.
Ich räume das Feld und hoffe, in den nächsten Tagen von der Stadtverwaltung eine Leuchte bekommen zu können. Auf der Rückfahrt durch die dunkelnde Stadt schlafe ich im Bus ein, trotz des Stop-and-Go im Feierabendverkehr.
1941 siedelten Katia und Thomas Mann von Princeton an die Westküste, nach Los Angeles über – ausschlaggebend ist die Aussicht, in einer selbstgebauten, nicht mehr gemieteten Villa wohnen zu können, damit den Emigrantenstatus hinter sich zu lassen und in den USA Wurzeln zu schlagen. Dazu kommen Landschaft und Wetter: „der Himmel ist hier fast das ganze Jahr heiter und sendet ein unvergleichliches, alles verschönendes Licht“ (TM an Hermann Hesse).
Haus Thomas Manns, ca. 1942; Design & Architecture Museum; University of California, Santa Barbara
Mich hatte man dagegen gewarnt: „You may give going to LA some serious thought. Things there are pretty tough.“ So zum Beispiel ein Fahrer, mit dem ich an der Ostküste, in Maine unterwegs war.
Und auch Georg Blochmann, Direktor des Goethe-Instituts in New York, zeichnet ein düsteres Bild: LA sei ein Symbol für das Scheitern des American Dream, mit extremer sozialer Segregation und der Dysfunktionalität öffentlicher Infrastruktur, unter anderem des Nahverkehrs.
Es wird beim Aufenthalt um Kontraste gehen. Im Sozialen, zwischen öffentlich und privat, dem Licht der Metropole und ihren Schattenseiten.
Insofern interessiert mich der öffentliche Nahverkehr, und wie sich damit in dieser vom Auto dominierten Stadt der Weg zum ehemaligen Haus von Thomas Manns bewältigen lässt – auch wenn der in LA nie mit dem Bus, sondern immer im eigenen Wagen gefahren ist bzw. wurde (er hatte keinen Führerschein, im Gegensatz zu Katia und seinen Kindern, von denen besonders Erika und Elisabeth leidenschaftliche Autofahrer waren, wohl ein Terrain der weiblichen Manns).
Es dauert alles recht lang, funktioniert aber insgesamt überraschend gut. Wieder werden es die auch für andere Städte schon typischen anderthalb Stunden, um vom Stadtzentrum zum mit den Manns verbundenen Ziel zu kommen. Es geht nach Pacific Palisades, am hügeligen Westrand der Metropole. Diesmal liegen an der Peripherie keine Problemviertel oder Pendlervorstädte, sondern Villen. Mit dem Bus Richtung Santa Monica und Beverly Hills, dann in Westwood ein weiterer;
An der Haltestelle Sunset/Capri aussteigen, den San Remo Drive hinauf. Schon die Bezeichnung „Drive“ deutet darauf hin, dass man sich hier normalerweise (auto)fahrend fortbewegt. Üppige Gärten, Palmen, es wird gekehrt, gemäht, meist von Hispanics oder Schwarzen. Nach mehreren Wendungen eine Stelle, die mir aus meinen virtuellen Rundgängen per Google Earth bekannt vorkommt, wo hohe Hecken und Bäume eine mauerartige Ecke bilden, hinter der dornröschenhaft das Haus liegt. Hier scheint sich wieder das Bedürfnis nach Privatheit zu manifestieren; und die Zeit hat das Übrige getan.
Eine Leuchte ist im Gebüsch eingewachsen. Eine weitere steht der Einfahrt von Nr. 1550 gegenüber; an ihr die Straßennamen „Monaco Drive“ und „San Remo Drive“, was das Mittelmeer, die mondänen Küstenstädten der Riviera (das Viertel heißt auch so) aufruft, an deren Flair Los Angeles gerne teilhat. Doch könnte man (italienisch) „Monaco“ auch mit „München“ assoziieren, und wäre damit bei Thomas Manns früherem Wohnsitz.
Wie in New York ist interessant, wer für die Leuchten zuständig ist und Informationen dazu geben kann. Es ist das städtische Bureau of Lighting, dem ich einen Besuch abgestattet habe. Doch nehmen in dieser „residential neighborhood“ auch die Anwohner selbst Anteil. Bob Gale, Autor des Drehbuchs und Co-Produzent von „Zurück in die Zukunft“ wohnt in der Gegend (übrigens auch Armin-Mueller-Stahl, der Thomas Mann in der Serie „Die Manns“ verkörperte), ist Präsident des hiesigen Hausbesitzervereins und kennt sich bestens mit den verschiedenen Lampentypen und ihrer Geschichte , schickt sogar Fotos von ihnen. Als ökonomischste Methode der Lampenbeschaffung empfiehlt er die Rekonstruktion in Deutschland – wohl auch, weil er aus der Filmbranche kommt.
Die Frage nach Original/Rekonstruktion wird mich noch weiter beschäftigen; Sie ist auch relevant für das ehemalige Wohnhaus von Thomas Mann und den Umgang damit. Zunächst einmal bin ich aber ganz glücklich, die Leuchten in ihrem räumlichen Zusammenhang vor Ort zu sehen.
Die Leuchten berichten, gerade wenn sie so eingewachsen und marode im Gebüsch stehen, von der Ambition der Stadt, ihrer Grandezza, von ihrer Fassadenhaftigkeit. In den 1920er bis 1940er Jahren installiert, standen sie hier, als Thomas Mann in sein neuerbautes Domizil im Bauhausstil einzog – das gegenüber den historisierenden, üppigen Lampen moderner war.
2016 erwarb der deutsche Staat das Haus und richtete es als Thomas Mann House als Aufenthaltsort für Stipendiaten, als Ort für Begegnungen und Veranstaltungen ein. Nikolai Blaumer, Programmdirektor, führt mich durch Haus und Garten. Die Bibliothek wird rekonstruiert, Bücher treffen ein, aus vielerlei Orten und Institutionen, u.a. Yale .
Der Eindruck: hier lässt es sich gut arbeiten. Die Einrichtung funktional, neu, bequem, ohne übermäßigen Luxus. Auch der Bezug zu Thomas Mann ist angenehm zurückhaltend: Einige Fotos, aber keine hagiographische Inszenierung, bei der die Person des ehemaligen Hausherrn einen auf Schritt und Tritt verfolgen würde. Begegne Stipendiaten, u.a. dem Germanisten Stefan Keppler-Tasaki. Wir sprechen über das Denkmalprojekt. Mit den Manns und deren Zeitgenossen kennt er sich gut aus.
Wie im Garten mit seiner hohen Hecke, so gibt es auch in der Architektur Elemente, die abgrenzten und einen eigenen Raum betonen: die von der Ecke des Arbeitszimmers nach vorn gezogene Mauer, die, auf Wunsch Thomas Manns angelegt, Blick- und Lärmschutz gewähren sollte.
Vom Garten aus hat man einen Blick hinüber zur Hügelkette mit dem ehemaligen Haus von Lion Feuchtwanger, heute als Villa Aurora ebenfalls Residenz, für Künstler, Schriftsteller, Musiker. Daneben liegt das Getty Museum. Noch weiter entfernt, thronend auf einer Anhöhe, das Getty Center. Die Gegend ist voller großer Namen, Institutionen und Gebäude.
Als ich vom San Remo Drive zurückkehre, erwische ich spurtend gerade den Bus, der in die Stadt fährt – mit derselben Busfahrerin wie bei der Hinfahrt – und lässig begrüßt mich ein Mann im mintfarbenen Shirt: „Take a seat, relax, cold drinks will be served.“ Kalifornische Entspanntheit.
Einige Tage später bin ich erneut im ehemaligen Haus der Manns. Francis Fukuyama hält einen kurzen Vortrag, nach dem Vorbild der Radio-Ansprachen „Deutsche Hörer!“ Thomas Manns in den 1940er Jahren. Fukuyama erwartet als Reaktion auf Trump ein Erstarken der Linken/Liberalen, und sieht „not too pessimistic“ in die Zukunft.
Beim kleinen Empfang danach treffe ich unter anderem zu meiner Überraschung Thomas Demand, der bereits seit zehn Jahren in LA lebt. Er legt mir im Hinblick auf das Denkmal Chris Burdens Installation aus hunderten von Straßenleuchten vor dem LACMA ans Herz. Sie hat es zum Liebling des Publikums, zum Wahrzeichen des Museums, ja sogar der Stadt gebracht, indem dort allgegenwärtige Elemente des öffentlichen Raums, mit dem sich Bewohner identifizieren, konzentriert zusammengebracht und streng nach ihrer Größe geordnet sind – so dass sich der Eindruck einer mehrschiffigen Halle ergibt, die zum Flanieren einlädt. Die Installation ist zudem äußerst fotogen.
Ich fühle mich für einen Moment den Stipendiaten zugehörig; es sind neben denen des Thomas-Mann-Hauses auch welche von der Villa Aurora da. LA erweist sich als interessanter Hotspot, trotz oder gerade wegen der starken Kontraste, von architektonischen Landmarks und grassierender Obdachlosigkeit, von Glanz und Verwahrlosung. Ich bedaure es, dass ich nicht noch länger bleiben kann. Die Weiterreise nach Brasilien steht an, nach São Paulo, damit der letzten Station.
Dabei werde ich zufällig jetzt, am Ende des Aufenthalts, zur Evakuierung aufgefordert: es brennt. Als beim Besuch in der Villa Getty, einer rekonstruierten Villa aus Pompeji, Rauchwolken am Himmel stehen und es Asche regnet, ist das seltsam passend.
Von Halifax, dem Wirkungsort von Elisabeth Mann-Borgese, geht es auf dem Landweg zurück in die USA, zunächst per Bus nach Saint John, noch in New Brunswick, Kanada. „From here, you’ll be pretty much on your own“, meint der Busfahrer beim Aussteigen. Da hier Richtung Grenze keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr fahren, versuche ich mein Glück per Anhalter – und finde mich wieder an einer Straße mit dem schönen Namen „Hope Street“. Es dauert. Aber es stimmt schon: „Wenn es einmal läuft, ist das Trampen unvergleichlich“ (Walter Scherf). Mit Trucks und Autos geht die Fahrt durch das herbstliche Maine nach Bangor, von da aus wiederum mit Bussen nach New York.
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Von dort aus führt die Route coast-to-coast, über Chicago, San Francisco nach Los Angeles, wo das ehemalige Haus von Thomas Mann in Pacific Palisades Ziel ist. In Chicago nehme ich einen Zug mit dem einschmeichelnden Namen „California Zephyr“. Das suggeriert eine Windeseile, die so doch nicht ganz zutrifft: Die Fahrt von Illinois nach Kalifornien dauert immerhin drei Tage. Das ist sicher nicht die schnellste und effizienteste Art zu reisen. Aber ähnlich wie bei der Fahrt nach Nida in Litauen geht es darum, ein Gefühl für Entfernungen zu bekommen, mit einer ähnlichen Geschwindigkeit unterwegs zu sein wie die Manns – und auch Landschaft zu sehen, zu erfahren. Die Langwierigkeit und das gemächliche Tempo passen zudem zu Thomas Manns literarischem Stil. Am Ende, in der Nähe von San Francisco, wird der Zugchef die Fahrgäste verabschieden und von „epic journey“ sprechen.
Ab Denver durch die Rocky Mountains, in denen schon dünne Schneefelder liegen und Flussläufe eisgesäumt sind, dann am Colorado entlang; Felsmauern, Canyons, man glaubt, in einem Film zu sein, einem Western, etwa in Rio Grande oder 3.15 to Yuma. Man schaut die Abhänge hinauf, ob nicht Reiter herunterkommen, hört, ob sich Hufgetrampel in das Ruckeln des Zuges mischt.
Die Sonne geht unter, taucht die Felswände in rötliches Licht. Ich genieße die Szenerie, blende aus, weswegen ich unterwegs bin. Thomas Mann und seine großbürgerlich-hanseatische Welt sind Lichtjahre entfernt – scheint es. Ich komme mit einem Mitreisendem ins Gespräch, einem älteren Herrn; er hat mich mit meiner großformatigen USA-Karte hantieren gesehen, auf der ich versuche, den Streckenverlauf nachzuvollziehen, und fragt, ob die Gegend hier auch darauf zu finden sei; wir sind in Utah, bewegen uns auf Salt Lake City zu.
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Nach dem Woher und Wohin und Weswegen gefragt, erzähle ich vom Denkmalprojekt. Wie nochmal der Name des Schriftstellers laute? fragt der Herr mich – nickt dann zustimmend: „I’m just now reading Buddenbrooks“ und holt einen abgegriffenen blauen Leinenband hervor, auf dem man kaum den Titel mehr lesen kann – aus der Public Library in San Diego.
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Was für ein Zufall, oder, wie mir aus Filmen im Ohr ist, wenn Menschen oder Dinge zusammentreffen, die nach dem geringen Grad von Wahrscheinlichkeit es eigentlich nicht tun dürften, „what are the odds“? Dass gerade in diesem Zug nach Kalifornien, genau an diesem Tag, gerade in meinem Abteil jemand die Buddenbrooks liest, diese Geschichte aus dem fernen Lübeck!
Das könnte ein Ausgangspunkt für eine empirisch-konzeptuell-performative Arbeit sein: man fährt zwischen Illinois und Kalifornien hin und her, geht wie die Schaffner durch den Zug, fragt, tippt sachte an der Schulter, ob hier jemand etwas von TM oder anderen Manns liest. Dann steckt man einen Zettel als Markierung über den Sitz. Allzuviel Zettel dürften nicht zusammenkommen.
Es ist Nacht geworden. Ich drehe mich zu meinem Mitreisenden um, er lehnt im Dunkeln. Auf dem Sitz neben ihm das Buch. Thomas Mann fährt mit.