Sanary – Leuchten, Villen, Türme

Sanary-Sur-Mer

Eine Rei­se Ende Sep­tem­ber, die ich trotz Coro­na-Beden­ken doch antre­te: Gegen Mit­ter­nacht kom­me ich mit dem Zug aus Mar­seil­le an. Die Ansa­gen der Hal­te­stel­len habe ich gespannt mit­ver­folgt, um das Aus­stei­gen nicht zu ver­pas­sen. Der Bahn­hof, für die Ort­schaf­ten Ollioules und Sana­ry-sur-Mer zusam­men ange­legt, ist men­schen­leer, aber hell erleuch­tet – was mich auf das The­ma der Leuch­ten ein­stimmt.
An der tem­pel­ar­ti­gen Fas­sa­de, die von der Gran­dez­za der klei­nen Orte an der Côte d’A­zur kün­det, ste­hen die Namen in gro­ßen Let­tern. Ich habe es also Schwarz auf Weiß, dass ich am rich­ti­gen Ort bin. Dort, wo sich in den 1930er Jah­ren vie­le deutsch­spra­chi­ge Emi­gran­ten tra­fen, dar­un­ter auch die Manns. 

Sana­ry-sur-Mer, Foto: Hein­rich-und-Tho­mas-Mann-Zen­trum, Bud­den­brook­haus, Lübeck

In der Rowohlt-Mono­gra­phie über die Fami­lie Mann von Hans Wiß­kir­chen hat­te ich ein Foto gefun­den, das den Hafen des Städt­chens zeigt, zu der Zeit, in der die Emi­gran­ten sich dort auf­hiel­ten. Im Hin­ter­grund die Höhen­zü­ge an der Küs­te – und pro­mi­nent im Vor­der­grund in der Mit­te, wie eine Stan­dar­te, eine Leuch­te. Nicht zuletzt die­ses Bild war es, was mich auf den Gedan­ken brach­te, auch aus Sana­ry eine Leuch­te in das Denk­mal in Mün­chen einzufügen. 

Die­se Leuch­te steht heu­te, 2020, immer noch dort, und auch das Pflas­ter mit den Kalk­stein­plat­ten scheint das­sel­be. Sie hat drei Kugeln aus ech­tem Glas, wie man mir vor Ort zeigt, ist see­grün gestri­chen und trägt am Mast das Wap­pen von Sana­ry, einen Turm am Hafen. 

In Sana­ry ist die Erin­ne­rung an die Emi­gran­ten aus Deutsch­land und Öster­reich fest ver­an­kert: Gleich am Hafen gibt es eine groß­for­ma­ti­ge Gedenk­ta­fel, die Sana­ry einen „Lieu de Mémo­rie Vivan­te“ nennt, so Leben­dig­keit und Gegen­warts­be­zug betont. Drei­spra­chig, auch auf Deutsch (Gedenk­ort) und Eng­lisch („Memo­ri­al site“) wen­det die Tafel sich an ein inter­na­tio­na­les Publi­kum, so inter­na­tio­nal wie die Emi­gran­ten und die Besu­cher, die ihren Spu­ren fol­gen. Sie nennt an die 70 Namen, ein Who-is-Who der dama­li­gen deut­schen Lite­ra­tur: Ernst Bloch, Ber­tolt Brecht, Lion Feucht­wan­ger, Alfred Kerr, Lud­wig Mar­cu­se, Erich-Maria Remar­que, Joseph Roth, Franz Wer­fel, Arnold und Ste­fan Zweig … Der Name „Mann“ ist dabei zahl­reich ver­tre­ten, gleich sechs­mal, mit Hein­rich, Tho­mas, Katia, Eri­ka, Klaus und Golo. 

Das Geden­ken ist aber auch ver­bun­den mit Sehens­wür­dig­kei­ten, Frei­zeit­ak­ti­vi­tä­ten, Tou­ris­mus: die Tafel befin­det sich außen am Pavil­lon des Office du Tou­risme. Links dane­ben lau­fen auf Bild­schir­men Fil­me über Tau­chen, Segeln, den Zoo. Rechts ist auf einer klei­ne­ren Tafel die Geschich­te der Emi­gran­ten erzählt, die in den 1930er Jah­ren nach Sana­ry kamen. Als deren Ver­tre­ter fun­giert – Tho­mas Mann. Die jewei­li­gen Wohn­or­te sind mit ähn­li­chen Tafeln mar­kiert. Es ergibt sich ein Par­cours der Orte und der Erin­ne­rung an ihre dama­li­gen Bewohner.

Ich gehe vom Hafen die Anhö­he hin­auf. An einer Kapel­le vor­bei mit Votiv­ta­feln, links mit Blick zum Meer. Am Ende der Stra­ße sto­ße ich von selbst auf das Haus, das Tho­mas Mann bewohn­te, die Vil­la La Tran­quil­le. Hier hat man den Häu­sern Namen gege­ben, sie damit per­so­ni­fi­ziert, Namen, die Har­mo­nie und Natur­schön­heit beschwö­ren. Als ich dort bin, ist es aller­dings alles ande­re als ruhig: Ein Trenn­schlei­fer kreischt in der Nähe. Die Gegen­wart mel­det sich mal wie­der zu Wort. Den­noch kann ich Ruhe und Zurück­ge­zo­gen­heit in die­sem klei­nen Küs­ten­ort nach­voll­zie­hen, und begin­ne zu ver­ste­hen, war­um die Manns und ande­re Emi­gran­ten hierherkamen. 

Für Tho­mas Mann nimmt sich das Haus fast beschei­den aus, im Ver­gleich etwa zu sei­ner Münch­ner Vil­la, der in Prince­ton oder gar der in Paci­fic Pali­sa­des. Aber Katia und Tho­mas Mann wohn­ten hier auch nicht lang, für etwa neun Mona­te, 1933; es war ein Ort des Über­gangs, bevor sie an den Züri­cher­see nach Küss­nacht zogen, dann spä­ter nach Amerika. 

Am nächs­ten Tag steht ein Tref­fen an mit Ver­tre­tern der Stadt, um Fra­gen rund um das Denk­mal­pro­jekt und die Leuch­te aus Sana­ry zu bespre­chen. Dabei sind Patri­cia Aubert, stell­ver­tre­ten­de Bür­ger­meis­te­rin, Jean-Pierre Mou­lar­de, Lei­ter des Depart­ments für Tech­nik, Aman­di­ne Ali­von vom Stadt­ar­chiv, da es ja auch um Stadt­ge­schich­te geht. Die Gemein­de erklärt sich gern bereit, eine Leuch­te für das Denk­mal bei­zu­steu­ern. Mit Hil­fe der Fir­ma, die noch über Guss­for­men ver­fügt, wird das mög­lich sein. Die Tei­le müs­sen noch zusam­men­ge­sucht und restau­riert wer­den. Und es geht auch um Ver­mitt­lung: ob man z.B. Ver­wei­se auf das Denk­mal auch am ehe­ma­li­gen Haus von Tho­mas Mann anbringt. Man stellt mir eine inter­es­san­te Fra­ge: was denn mein künst­le­ri­scher Bei­trag, mei­ne Ver­än­de­rung der Leuch­ten sei? Ich ant­wor­te mit Duch­amp, dass die Aus­wahl an sich ein künst­le­ri­scher Akt ist, dass es um das Schaf­fen von Bezü­gen geht. Für mei­ne eher pas­si­ven Fran­zö­sisch­kennt­nis­se ist das Tref­fen eine Herausforderung.

Ich gön­ne mir ein Zim­mer im Hotel de la Tour, einem kan­tig-kubi­schen Bau, her­um­ge­baut um den Turm, der das Wahr­zei­chen von Sana­ry dar­stellt, wie es sich auf den Wap­pen auf den Mas­ten der Leuch­ten wie­der­fin­det. In die­sem Hotel wohn­ten auch Klaus und Eri­ka bei ihren Auf­ent­hal­ten. Dass es auf Dau­er­gäs­te aus­ge­rich­tet war, die hier auch ihre Post emp­fin­gen, zeigt das Regal mit Fächern, an das man den Zim­mer­schlüs­sel beim Ver­las­sen hängt. 

Vom Fens­ter und vom Turm aus der Blick aufs Meer, auf Schif­fe und Leucht­tür­me. Wei­ter hin­ten erkennt man bewal­det-fel­si­ge Höhen­zü­ge, die im Nor­den und Osten auf­stei­gen. Sie üben auf mich eine star­ke Anzie­hungs­kraft aus, und nach dem Tref­fen in Sana­ry erkun­de ich vom nahen Tou­lon aus noch eini­ge Tage die Gegend, schla­ge zu Fuß einen Bogen zurück Rich­tung Mar­seil­le. Dabei gera­te ich auf einem Berg­kamm in hef­ti­ge Regen­schau­er und einen Sturm, der mich fast hin­un­ter­bläst. Wet­ter und Land­schaft sind also kei­nes­wegs immer so medi­ter­ran-hei­ter, wie es der Name von Tho­mas Manns Vil­la „La Tran­quil­le“ ver­heißt (der die Gegend wohl­weis­lich im Sep­tem­ber wie­der verließ).

Über Sana­ry gibt es übri­gens eine reich­hal­ti­ge Lite­ra­tur, etwa Das flüch­ti­ge Para­dies. Künst­ler an der Côte d’Azur von Man­fred Flüg­ge (2008). Eine gute Bespre­chung und Zusam­men­fas­sung hier. Oder auch Exil unter Pal­men. Deut­sche Emi­gran­ten in Sana­ry-sur-Mer (2018) von Maga­li Nier­ad­ka-Stei­ner. Bespre­chung dazu hier.

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