São Paulo II – Lux, ILUME, Material

Albert Coers Lux Hotel Sao Paulo

In São Pau­lo woh­ne ich im Hotel Lux, pas­send zum Leuch­ten­pro­jekt.
Direkt davor befin­det sich ein Platz mit der Fon­te Monu­men­tal der Bild­haue­rin Nico­li­na Vaz, einem Mar­mor­brun­nen aus den 1920er Jah­ren, an des­sen Rand rie­si­ge Lan­gus­ten als Skulp­tu­ren hoch­klet­tern, zum Teil mit Gesich­tern von Men­schen. Nach­dem der Brun­nen lan­ge Zeit ver­wahr­los­te, Treff­punkt von Dea­lern war, Schlaf­platz von Obdach­lo­sen, hat die Stadt ihn in den letz­ten Jah­ren restau­riert und durch Schutz­wän­de aus Glas ein­ge­zäunt – was aller­dings die Pro­ble­me auch nicht gelöst hat. Nachts ist er zur Beleuch­tung, aber auch zur Über­wa­chung und Abschre­ckung in grel­les Schein­wer­fer­licht getaucht. Bizarr, die gan­ze Anla­ge, und auch etwas trau­rig: dass man öffent­li­che Kunst so unter einen Glas­sturz stel­len muss, und die Bron­ze­tie­re durch sol­che aus Glas­fa­ser erset­zen, weil sie sonst geklaut wer­den – und dass der wirt­schaft­li­che Druck so groß ist, dies zu tun. Das hat­te sich die Künst­le­rin wohl nicht so vor­ge­stellt. Aber das alles gehört zum The­ma „Kunst im öffent­li­chen Raum“. 

Mein Auf­ent­halt in São Pau­lo und die Rei­se ins­ge­samt geht dem Ende ent­ge­gen. Nun gilt es, zum Abschluss noch etwas Hand­greif­lich-Mate­ri­el­les nach Deutsch­land mit­zu­brin­gen, ähn­lich wie aus Nid­den: eine Leuch­te und/oder ein Schild. Das Beschaf­fen einer Ori­gi­nal­leuch­te aus der Rua Tho­mas Mann dürf­te, anders als im klei­nen, über­sicht­li­chen Nida in Litau­en, schwie­rig wer­den. Ich stel­le mir die tech­ni­schen Abtei­lun­gen die­ser Metro­po­le weit­ver­zweigt vor (man hat­te mich vor der Büro­kra­tie in Bra­si­li­en gewarnt) und noch kei­nen Kon­takt her­stel­len konn­te. Aber viel­leicht gelingt es trotz­dem, eine Leuch­te zu organisieren. 

Ich schrei­be an die Abtei­lung für Stra­ßen­be­leuch­tung, „Ilu­me“ bei der Stadt­ver­wal­tung São Pau­lo – und gehe dort vor­bei, in der Ave­ni­da Libe­ro de Badaro. Bekom­me am Emp­fang ein Besu­cher­schild, ähn­lich wie in Los Ange­les, und darf wie­der mit dem Auf­zug hin­auf­fah­ren. Vor dem Büro ein Fuß­ab­strei­fer mit den ein­la­den­den Schriftt­zug „ILUME“. Mir gefällt der Kon­trast zwi­schen dem Wort für ‚Licht‘ und dem schwarz-brau­nen Objekt mit den Buch­sta­ben auf dem Boden, an dem man sich die Füße abputzt.

Man hat mei­ne vor weni­gen Stun­den geschrie­be­ne Mail bereits gele­sen und erwar­tet mich, wie ich freu­dig über­rascht fest­stel­le. Die Namen der Mit­ar­bei­ter klin­gen in mei­nem Ohren ita­lie­nisch-ver­traut. Wir dis­ku­tie­ren in einem Büro im Über­set­zungs­wech­sel von Eng­lisch und Por­tu­gie­sisch. Es scheint mög­lich, eine Leuch­te, wie sie in der Rua Tho­mas Mann steht, zu bekom­men, schnell und ganz unbürokratisch. 

Anschlie­ßend im Lauf­schritt in die Pre­feit­u­ra, ins Rat­haus, zum Tref­fen mit Bruce Scheidl Cam­pos, Res­sort „Inter­na­tio­na­le Bezie­hun­gen“, mit dem ich durch Ver­mitt­lung aus Deutsch­land in Kon­takt kam. Ein mäch­ti­ger Klotz mit Pfei­lern aus Kalk­stein, das Edi­fí­cio Mata­raz­zo oder Palá­cio do Anhan­ga­baú, ent­wor­fen von Mar­cel­lo Pia­cen­ti­ni, einem Archi­tek­ten des ita­lie­ni­schen Neo­klas­si­zis­mus-Faschis­mus. Um dem Gebäu­de etwas von sei­ner Aus­teri­tät zu neh­men, hat man ihm einen Dach­gar­ten auf­ge­setzt und illu­mi­niert es nachts mit einem roten Leucht­strei­fen. Der Ein­gang ist von der Poli­zei mit Sicher­heits­band abge­sperrt. Innen eine rie­si­ge Hal­le, mit einer Kar­te Bra­si­li­ens und sei­ner Han­dels­gü­ter an der Wand. Eine geball­te Ladung staats­tra­gen­der Imponiergesten. 

Das Tref­fen selbst dage­gen ist nett. Bruce spricht auch Deutsch; sei­ne Groß­el­tern kamen aus Öster­reich; eine süd­ame­ri­ka­ni­sche Ein­wan­de­rungs­ge­schich­te, sie­he ja auch die Manns Genera­tio­nen vor­her. Ich kann vom den Ver­hand­lun­gen mit ILUME berich­ten. Bleibt noch das Stra­ßen­schild „Rua Tho­mas Mann“. Bruce, obwohl eigent­lich von einer ganz ande­ren Sek­ti­on und sonst eher für die Anbah­nung von Han­dels­be­zie­hun­gen zustän­dig, ver­spricht, sich dar­um zu kümmern. 

Noch habe ich das Schild aller­dings nicht in der Hand und den­ke dar­an, es gleich an Ort und Stel­le abzu­schrau­ben. Ande­rer­seits – wäre das nicht eben­falls eine Ent­wen­dung öffent­li­chen Eigen­tums, ähn­lich dem Lan­gus­ten­klau an der Fon­te Monu­men­tal, nur mit gerin­ge­rem Mate­ri­al- und Kunst­wert? Und wer­den sich die Anwoh­ner nicht fra­gen, wo ihre Rua Tho­mas Mann geblie­ben ist? Nein, der Ehr­geiz soll­te sein, es auf offi­zi­el­lem Wege zu beschaf­fen, auch wenn es noch eini­ge Mona­te dauert. 

Dage­gen kann ich bereits ein paar Tage spä­ter, nach der Rück­kehr aus Curi­ti­ba, bei ILUME eine Schach­tel mit Lam­pe, Ersatz­bir­ne nebst tech­ni­scher Doku­men­ta­ti­on in Emp­fang neh­men. Und eine Beschei­ni­gung, dass es sich um einen Gegen­stand „sem valor comercial“ (ohne kom­mer­zi­el­len Wert) hand­le, falls man mich beim Zoll danach fragt. Für mich ist die­se Leuch­te aber höchst wert­voll. Erstaun­lich, was so ein indus­tri­el­les Mas­sen­pro­dukt, ein All­tags­ge­gen­stand, noch dazu schon län­ger in Gebrauch, auf ein­mal für einen ideel­len Wert bekommt. Schlep­pe die Lam­pe auf der Schul­ter durch die Stadt zum Hotel Lux. Es ist nicht weit und tut gut, end­lich ein Ergeb­nis in Hän­den zu halten. 

Dann steht und liegt die Leuch­te im Hotel­zim­mer. Sie ist wie ein Mit­be­woh­ner und nimmt Züge eines Robo­tor­we­sens an, mit dem Kör­per aus Metall, der kopf­ar­ti­gen ova­len Form, der Glas­schei­be vor­ne, die ein Gesicht sug­ge­riert, und den fili­gran-beweg­li­chen Kabelfortsätzen. 

Die Leuch­te will auch noch wei­ter trans­por­tiert sein.
Dazu kau­fe ich in einem Haus­halts­wa­ren­la­den in der Nähe einen leich­ten Klapp­kar­ren aus Alu, in einem ande­ren einen Gum­mi­ex­pan­der (zwei wären bes­ser gewe­sen). Auf der Suche nach Ver­pa­ckungs­ma­te­ri­al zum Aus­pols­tern der Schach­tel fin­de ich abends auf der Stra­ße Sty­ro­por und Kar­to­na­gen, Eier­kar­tons. Dabei gera­te ich anein­an­der mit pro­fes­sio­nel­len Samm­lern, Alt­pa­pier­händ­lern von der Stra­ße, die sich in ihrem Geschäfts­mo­dell ver­letzt füh­len. Sie mache sich die Hän­de schmut­zig, siche­re so ihren Lebens­un­ter­halt, setzt mir eine Frau ein­drück­lich aus­ein­an­der. Ich kau­fe ihr das Mate­ri­al schließ­lich ab, akzep­tie­re, dass auch das Weg­ge­wor­fe­ne und sei­ne Auf­be­rei­tung einen Wert hat. 

Am nächs­ten Mor­gen geht es zum Flug­ha­fen. Das Wägel­chen mit der Schach­tel rollt sich gut. Die Befes­ti­gung mit Gum­mi­s­pan­ner, Plas­tik­strei­fen und Leu­ko­plast-Tape wirkt aller­dings ziem­lich impro­vi­siert. Aber der Ver­bund wird nicht bean­stan­det, ist ledig­lich als Sperr­ge­päck zu dekla­rie­ren. Die Leuch­te glei­tet auf ein Fließ­band, ver­schwin­det dann im Dun­kel hin­ter einem Vor­hang. Sie wird ihren Weg nach Deutsch­land fin­den, so hof­fe ich. Das tut sie auch, genau­so wie ich selbst, nach einer Zwi­schen­lan­dung in Bogo­tá – die eigent­lich nur 12 Stun­den daue­r­en soll­te, sich aber zu einem Auf­ent­halt von meh­re­ren Tagen aus­wächst. Aber das ist eine ande­re Geschichte …