Kilchberg – Ruhe, Leuchten und Narzissen

Eine Fahrt nach Zürich – und ins nahe­ge­le­ge­ne Kilch­berg, wo Tho­mas Mann, Katia, Eri­ka und Golo wohn­ten und auf dem Fried­hof zusam­men mit Micha­el, Moni­ka begra­ben sind. Von beson­de­rem Inter­es­se: Die Leuch­te vor dem Wohn­haus, auf einer älte­ren Schwarz­weiß-Auf­nah­me in der Rowohlt-Mono­gra­phie über die Fami­lie Mann pro­mi­nent zu sehen, jedoch über Goog­le Street View nicht, eben­so­we­nig das Stra­ßen­schild „Eri­ka-Mann-Stras­se“ in Zürich, die es seit kur­zem gibt. Und Bil­der aus ande­ren Quel­len fin­den sich im Netz auch nicht – so bemer­kens­wert und wich­tig schei­nen die­se Stra­ßen­la­ter­nen und Stra­ßen­schil­der dann doch nicht zu sein, als dass sie foto­gra­fiert wür­den – viel­leicht sind die Schil­der auch viel zu neu. Die­se Lücken in der Bild-Ver­füg­bar­keit allein recht­fer­ti­gen bereits die Tour in die Schweiz!

Im Vor­feld, ver­mit­telt durch Andre­as Mar­ti, der in Zürich den Kunst­raum dienst­ge­bäu­de betreibt, Kon­takt mit Chris­toph Dos­wald, ver­ant­wort­lich für Kunst im öffent­li­chen Raum. Ihm schil­de­re ich mein Anlie­gen, und er schreibt auch gleich zurück: das Pro­jekt klin­ge span­nend; eine schö­ne Idee, die bio­gra­fi­schen Sta­tio­nen mit dem Mobi­li­ar des öffent­li­chen Raums zusam­men­zu­brin­gen. In der Pra­xis stel­le es sich mög­li­cher­wei­se etwas kom­pli­zier­ter dar, er kön­nen allen­falls in Sachen Zürich-Oer­li­kon hel­fen. „Was hin­ge­gen Kilch­berg betrifft, so liegt das polit-geo­gra­fisch nicht im unse­rem Ter­ri­to­ri­um.“ Hier begeg­net bereits ein Phä­no­men, auf das ich im Lauf der Recher­che immer wie­der sto­ßen wer­de: die Zahl der Zustän­dig­kei­ten und anzu­fra­gen­den Stel­len ver­grö­ßert sich von mal zu mal.

Also auf in die Schweiz. Viel­leicht ist es auch nicht schlecht, vom Ende, von einer der letz­ten Sta­tio­nen der Manns her anzufangen.

Hubert Kret­schmer, Ver­le­ger, Künst­ler und Samm­ler von Künst­ler­pu­bli­ka­tio­nen nimmt mich im Golf nach Zürich mit. Dabei ist auch Rai­ner Grü­ner, sei­ner­seits Samm­ler von Künst­ler­bü­chern. Ziel ist eine Aus­stel­lung in der Gra­phi­schen Samm­lung an der ETH (wo neben­bei auch der Nach­lass Tho­mas Manns betreut wird). Auf die­sem Kurz­trip kom­men ganz unter­schied­li­che Din­ge zusammen. 

Von der Aus­stel­lung mit der S‑Bahn nach Kilch­berg, am Züri­see gele­gen, etwa 20 Minu­ten fährt man, über die Stadt­gren­zen hin­aus. Der Bahn­hof strahlt Ruhe, Soli­di­tät und Kur­ort­stim­mung aus, mit einer Kar­te des Sees, einer roten Holz­bank – und einer Arzt­pra­xis gleich daneben.

Da man in den Ort nach oben steigt, gibt es vie­le Trep­pen und Durch­gangs­si­tua­tio­nen. Auch damit hängt wohl das Bedürf­nis nach Abgren­zung und Pri­vat­heit zusam­men, aus­ge­drückt durch Zäu­ne und Schil­der. Aber auch sonst atmen die Anwe­sen eine gewis­se Abge­schlos­sen­heit.
„Ruhe, Ruhe und noch­mals Ruhe“ – so beschreibt Tho­mas Mann in einem Brief sei­ne Wün­sche. Man kann ver­ste­hen, war­um er hier­her­zog. Dazu kom­men See­blick und Kurortatmosphäre. 

Das Sana­to­ri­um in Kilch­berg, an dem man vor­bei­geht, lässt in Zusam­men­hang mit Tho­mas Mann unwill­kür­lich an den „Zau­ber­berg“ den­ken, auch wenn es sich nicht um eine Lun­gen­heil­an­stalt, son­dern eine Pri­vat­kli­nik für Psy­cho­the­ra­pie han­delt. Der Ort liegt eben­falls in der Höhe, sie­he auch den Namens­be­stand­teil „-berg“.

Das Stra­ßen­schild „Alte Land­stras­se“, wo die Manns wohn­ten, ist soli­de, mit einem Rand-Rah­men ein­ge­fasst, tief geprägt, wie ein Stem­pel, den es der Stra­ße und Umge­bung auf­drückt. Die Buch­sta­ben klas­sisch modern, schnör­kel- und seri­fen­los, schwei­ze­ri­sche Typo­gra­fie. Sie kon­tras­tie­ren mit dem Inhalt und bezie­hen sich auf die dama­li­ge moder­ne Gegen­wart. Das Schild mag aus den 1950er/60er Jah­ren stam­men, also als Tho­mas und Katia Mann hierherzogen. 

Aus etwa der­sel­ben Zeit dürf­te auch die Stra­ßen­leuch­te stam­men, die vor dem Haus Nr. 39 steht. Auf einem älte­ren Schwarz-Weiß-Foto ist sie zu erken­nen, und offen­sicht­lich noch die­sel­be. Die Bäu­me im Hin­ter­grund sind grö­ßer gewor­den, sonst hat sich nicht viel ver­än­dert. Die Gegen­wart hat ledig­lich in Form eini­ger Sti­cker auf dem Lam­pen­mast Spu­ren hin­ter­las­sen, eine geball­te Faust, „FCZ“ dar­un­ter, wohl eine Droh­ge­bär­de gegen den 1. FC Zürich, und „FCK NZS“, eben­falls auf drei Kon­so­nan­ten redu­zier­te Wör­ter, deren Sinn man leicht erschlie­ßen kann. Die­se Zeug­nis­se einer lin­ken Sze­ne hät­te man hier, im soi­gnier­ten Kilch­berg, nicht erwartet.

Die Leuch­te mit ihrem gebo­ge­nen Mast, lässt an eine schlan­ke Figur den­ken – nicht zufäl­lig die Bezeich­nung „Lam­pen­kopf“ -, die aus luf­ti­ger Höhe und Distanz auf die Stra­ße hin­un­ter­schaut.
Vor der Lam­pe auf der Stra­ße die bei Repa­ra­tur­ar­bei­ten ent­stan­de­nen schwar­zen Schrift­zei­chen aus Teer. 

Das Haus des „noto­ri­schen Vil­len­be­sit­zers“ selbst, breit, mit weit vor­ge­zo­ge­nem Walm­dach, umge­ben von hohen Bäu­men, Zaun und Hecke. Es ver­mit­telt Zurück­ge­zo­gen­heit, wirkt aber nicht abwei­send. Das ros­ti­ge Tor steht leicht offen, also ob häu­fi­ger jemand ein und aus­gin­ge, wie um hereinzubitten. 

Am Pfei­ler dane­ben eine Gedenk­ta­fel, die nüch­tern fest­stellt, dass hier die Fami­lie Tho­mas Mann wohn­te, und die ehe­ma­li­gen Bewoh­ner und die Jah­re ihres Auf­ent­halts auf­lis­tet: Tho­mas Mann 1954–1955, also kurz bis zu sei­nem Tod, Katia dann lan­ge, bis 1980, Eri­ka bis zu ihrem Tod 1969, schließ­lich Golo lan­ge 30 Jah­re. Das gewis­se Under­state­ment, das nicht von Schrift­stel­ler­tum etc. erzählt, ähn­lich vor­nehm-lako­nisch wie die Grab­stei­ne der Fami­lie auf dem Kilch­ber­ger Fried­hof.
Eine abs­tra­hier­te Fami­lie als Plas­tik vor dem Ein­gang – weder groß noch künst­le­risch hoch­wert­voll. Wohnt hier viel­leicht nach den Manns (wie­der) eine Fami­lie? Dar­auf deu­tet wei­ter hin eine Blu­men­scha­le mit Nar­zis­sen und einem quietsch­bun­tem Oster­ha­sen – ein Kon­trast zur sons­ti­gen gedämpft-grau­en Far­big­keit von Haus, Gar­ten und Straße. 

Das Gefühl von ste­hen­ge­blie­be­ner Zeit – in der Refle­xe der Gegen­wart aufblitzen. 

Ein Gedanke zu „Kilchberg – Ruhe, Leuchten und Narzissen“

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