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Pacific Palisades – Licht, Schatten und Feuer

1941 sie­del­ten Katia und Tho­mas Mann von Prince­ton an die West­küs­te, nach Los Ange­les über – aus­schlag­ge­bend ist die Aus­sicht, in einer selbst­ge­bau­ten, nicht mehr gemie­te­ten Vil­la woh­nen zu kön­nen, damit den Emi­gran­ten­sta­tus hin­ter sich zu las­sen und in den USA Wur­zeln zu schla­gen. Dazu kom­men Land­schaft und Wet­ter: „der Him­mel ist hier fast das gan­ze Jahr hei­ter und sen­det ein unver­gleich­li­ches, alles ver­schö­nen­des Licht“ (TM an Her­mann Hes­se).

Mich hat­te man dage­gen gewarnt: „You may give going to LA some serious thought. Things the­re are pret­ty tough.“ So zum Bei­spiel ein Fah­rer, mit dem ich an der Ost­küs­te, in Mai­ne unter­wegs war.

Und auch Georg Bloch­mann, Direk­tor des Goe­the-Insti­tuts in New York, zeich­net ein düs­te­res Bild: LA sei ein Sym­bol für das Schei­tern des Ame­ri­can Dream, mit extre­mer sozia­ler Segre­ga­ti­on und der Dys­funk­tio­na­li­tät öffent­li­cher Infra­struk­tur, unter ande­rem des Nah­ver­kehrs.

Es wird beim Auf­ent­halt um Kon­tras­te gehen. Im Sozia­len, zwi­schen öffent­lich und pri­vat, dem Licht der Metro­po­le und ihren Schat­ten­sei­ten.

Inso­fern inter­es­siert mich der öffent­li­che Nah­ver­kehr, und wie sich damit in die­ser vom Auto domi­nier­ten Stadt der Weg zum ehe­ma­li­gen Haus von Tho­mas Manns bewäl­ti­gen lässt – auch wenn der in LA nie mit dem Bus, son­dern immer im eige­nen Wagen gefah­ren ist bzw. wur­de (er hat­te kei­nen Füh­rer­schein, im Gegen­satz zu Katia und sei­nen Kin­dern, von denen beson­ders Eri­ka und Eli­sa­beth lei­den­schaft­li­che Auto­fah­rer waren, wohl ein Ter­rain der weib­li­chen Manns).

Es dau­ert alles recht lang, funk­tio­niert aber ins­ge­samt über­ra­schend gut. Wie­der wer­den es die auch für ande­re Städ­te schon typi­schen andert­halb Stun­den, um vom Stadt­zen­trum zum mit den Manns ver­bun­de­nen Ziel zu kom­men. Es geht nach Paci­fic Pali­sa­des, am hüge­li­gen West­rand der Metro­po­le. Dies­mal lie­gen an der Peri­phe­rie kei­ne Pro­blem­vier­tel oder Pend­ler­vor­städ­te, son­dern Vil­len. Mit dem Bus Rich­tung San­ta Moni­ca und Bever­ly Hills, dann in West­wood ein wei­te­rer;

An der Hal­te­stel­le Sunset/Capri aus­stei­gen, den San Remo Dri­ve hin­auf. Schon die Bezei­chung „Dri­ve“ deu­tet dar­auf hin, dass man sich hier nor­ma­ler­wei­se (auto)fahrend fort­be­wegt. Üppi­ge Gär­ten, Pal­men, es wird gekehrt, gemäht, meist von His­pa­nics oder Schwar­zen. Nach meh­re­ren Wen­dun­gen eine Stel­le, die mir aus mei­nen vir­tu­el­len Rund­gän­gen per Goog­le Earth bekannt vor­kommt, wo hohe Hecken und Bäu­me eine mau­er­ar­ti­ge Ecke bil­den, hin­ter der dorn­rös­chen­haft das Haus liegt. Hier scheint sich wie­der das Bedürf­nis nach Pri­vat­heit zu mani­fes­tie­ren; und die Zeit hat das Übri­ge getan.

Eine Leuch­te ist im Gebüsch ein­ge­wach­sen. Eine wei­te­re steht der Ein­fahrt von Nr. 1550 gegen­über; an ihr die Stra­ßen­na­men „Mona­co Dri­ve“ und „San Remo Dri­ve“, was das Mit­tel­meer, die mon­dä­nen Küs­ten­städ­ten der Rivie­ra (das Vier­tel heißt auch so) auf­ruft, an deren Flair Los Ange­les ger­ne teil­hat. Doch könn­te man (ita­lie­nisch) „Mona­co“ auch mit „Mün­chen“ asso­zi­ie­ren, und wäre damit bei Tho­mas Manns frü­he­rem Wohn­sitz.

Wie in New York ist inter­es­sant, wer für die Leuch­ten zustän­dig ist und Infor­ma­tio­nen dazu geben kann. Es ist das städ­ti­sche Bureau of Ligh­t­ing, dem ich einen Besuch abge­stat­tet habe. Doch neh­men in die­ser „resi­den­ti­al neigh­bor­hood“ auch die Anwoh­ner selbst Anteil. Bob Gale, Autor des Dreh­buchs und Co-Pro­du­zent von „Zurück in die Zukunft“ wohnt in der Gegend (übri­gens auch Armin-Muel­ler-Stahl, der Tho­mas Mann in der Serie „Die Manns“ ver­kör­per­te), ist Prä­si­dent des hie­si­gen Haus­be­sit­zer­ver­eins und kennt sich bes­tens mit den ver­schie­de­nen Lam­pen­typen und ihrer Geschich­te , schickt sogar Fotos von ihnen. Als öko­no­mischs­te Metho­de der Lam­pen­be­schaf­fung emp­fiehlt er die Rekon­struk­ti­on in Deutsch­land – wohl auch, weil er aus der Film­bran­che kommt.

Die Fra­ge nach Original/Rekonstruktion wird mich noch wei­ter beschäf­ti­gen; Sie ist auch rele­vant für das ehe­ma­li­ge Wohn­haus von Tho­mas Mann und den Umgang damit. Zunächst ein­mal bin ich aber ganz glück­lich, die Leuch­ten in ihrem räum­li­chen Zusam­men­hang vor Ort zu sehen.

Die Leuch­ten berich­ten, gera­de wenn sie so ein­ge­wach­sen und maro­de im Gebüsch ste­hen, von der Ambi­ti­on der Stadt, ihrer Gran­dez­za, von ihrer Fas­sa­den­haf­tig­keit. In den 1920er bis 1940er Jah­ren instal­liert, stan­den sie hier, als Tho­mas Mann in sein neu­erbau­tes Domi­zil im Bau­haus­stil ein­zog – das gegen­über den his­to­ri­sie­ren­den, üppi­gen Lam­pen moder­ner war.

2016 erwarb der deut­sche Staat das Haus und rich­te­te es als Tho­mas Mann House als Auf­ent­halts­ort für Sti­pen­dia­ten, als Ort für Begeg­nun­gen und Ver­an­stal­tun­gen ein. Niko­lai Blau­mer, Pro­gramm­di­rek­tor, führt mich durch Haus und Gar­ten. Die Biblio­thek wird rekon­stru­iert, Bücher tref­fen ein, aus vie­ler­lei Orten und Insti­tu­tio­nen, u.a. Yale .

Der Ein­druck: hier lässt es sich gut arbei­ten. Die Ein­rich­tung funk­tio­nal, neu, bequem, ohne über­mä­ßi­gen Luxus. Auch der Bezug zu Tho­mas Mann ist ange­nehm zurück­hal­tend: Eini­ge Fotos, aber kei­ne hagio­gra­phi­sche Insze­nie­rung, bei der die Per­son des ehe­ma­li­gen Haus­herrn einen auf Schritt und Tritt ver­fol­gen wür­de. Begeg­ne Sti­pen­dia­ten, u.a. dem Ger­ma­nis­ten Ste­fan Kepp­ler-Tasa­ki. Wir spre­chen über das Denk­mal­pro­jekt. Mit den Manns und deren Zeit­ge­nos­sen kennt er sich gut aus.

Wie im Gar­ten mit sei­ner hohen Hecke, so gibt es auch in der Archi­tek­tur Ele­men­te, die abgrenz­ten und einen eige­nen Raum beto­nen: die von der Ecke des Arbeits­zim­mers nach vorn gezo­ge­ne Mau­er, die, auf Wunsch Tho­mas Manns ange­legt, Blick- und Lärm­schutz gewäh­ren soll­te.

Vom Gar­ten aus hat man einen Blick hin­über zur Hügel­ket­te mit dem ehe­ma­li­gen Haus von Lion Feucht­wan­ger, heu­te als Vil­la Auro­ra eben­falls Resi­denz, für Künst­ler, Schrift­stel­ler, Musi­ker. Dane­ben liegt das Get­ty Muse­um. Noch wei­ter ent­fernt, thro­nend auf einer Anhö­he, das Get­ty Cen­ter. Die Gegend ist vol­ler gro­ßer Namen, Insti­tu­tio­nen und Gebäu­de.

Als ich vom San Remo Dri­ve zurück­keh­re, erwi­sche ich spur­tend gera­de den Bus, der in die Stadt fährt – mit der­sel­ben Bus­fah­re­rin wie bei der Hin­fahrt – und läs­sig begrüßt mich ein Mann im mint­far­be­nen Shirt: „Take a seat, relax, cold drinks will be ser­ved.“ Kali­for­ni­sche Ent­spannt­heit.

Eini­ge Tage spä­ter bin ich erneut im ehe­ma­li­gen Haus der Manns. Fran­cis Fuku­ya­ma hält einen kur­zen Vor­trag, nach dem Vor­bild der Radio-Anspra­chen „Deut­sche Hörer!“ Tho­mas Manns in den 1940er Jah­ren. Fuku­ya­ma erwar­tet als Reak­ti­on auf Trump ein Erstar­ken der Linken/Liberalen, und sieht „not too pes­si­mistic“ in die Zukunft.

Beim klei­nen Emp­fang danach tref­fe ich unter ande­rem zu mei­ner Über­ra­schung Tho­mas Demand, der bereits seit zehn Jah­ren in LA lebt. Er legt mir im Hin­blick auf das Denk­mal Chris Bur­dens Instal­la­ti­on aus hun­der­ten von Stra­ßen­leuch­ten vor dem LACMA ans Herz. Sie hat es zum Lieb­ling des Publi­kums, zum Wahr­zei­chen des Muse­ums, ja sogar der Stadt gebracht, indem dort all­ge­gen­wär­ti­ge Ele­men­te des öffent­li­chen Raums, mit dem sich Bewoh­ner iden­ti­fi­zie­ren, kon­zen­triert zusam­men­ge­bracht und streng nach ihrer Grö­ße geord­net sind – so dass sich der Ein­druck einer mehr­schif­fi­gen Hal­le ergibt, die zum Fla­nie­ren ein­lädt. Die Instal­la­ti­on ist zudem äußerst foto­gen.


Ich füh­le mich für einen Moment den Sti­pen­dia­ten zuge­hö­rig; es sind neben denen des Tho­mas-Mann-Hau­ses auch wel­che von der Vil­la Auro­ra da. LA erweist sich als inter­es­san­ter Hot­spot, trotz oder gera­de wegen der star­ken Kon­tras­te, von archi­tek­to­ni­schen Land­marks und gras­sie­ren­der Obdach­lo­sig­keit, von Glanz und Ver­wahr­lo­sung.
Ich bedau­re es, dass ich nicht noch län­ger blei­ben kann. Die Wei­ter­rei­se nach Bra­si­li­en steht an, nach São Pau­lo, damit der letz­ten Sta­ti­on.

Dabei wer­de ich zufäl­lig jetzt, am Ende des Auf­ent­halts, zur Eva­ku­ie­rung auf­ge­for­dert: es brennt. Als beim Besuch in der Vil­la Get­ty, einer rekon­stru­ier­ten Vil­la aus Pom­pe­ji, Rauch­wol­ken am Him­mel ste­hen und es Asche reg­net, ist das selt­sam pas­send.

„Epic journey“ nach Los Angeles – mit den Buddenbrooks

Von Hali­fax, dem Wir­kungs­ort von Eli­sa­beth Mann-Bor­ge­se, geht es auf dem Land­weg zurück in die USA, zunächst per Bus nach Saint John, noch in New Brunswick (Neu­braun­schweig), Kana­da. „From here, you’ll be pret­ty much on your own“, meint der Bus­fah­rer beim Aus­stei­gen. Da hier Rich­tung Gren­ze kei­ne öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­tel mehr fah­ren, ver­su­che ich mein Glück per Anhal­ter – und ste­he unter ande­rem an einer Stra­ße mit dem schö­nen Namen „Hope Street“. Es dau­ert. Aber es bewahr­hei­tet sich wie­der: „Wenn es ein­mal läuft, ist das Tram­pen unver­gleich­lich“ (Wal­ter Scherf). Mit Trucks und Autos geht die Fahrt durch das herbst­li­che Mai­ne nach Bangor, von da aus wie­der­um mit Bus­sen nach New York.

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Von dort aus führt die Rou­te coast-to-coast, über Chi­ca­go, San Fran­cis­co nach Los Ange­les, wo das ehe­ma­li­ge Haus von Tho­mas Mann in Paci­fic Pali­sa­des Ziel ist. In Chi­ca­go neh­me ich einen Zug mit dem ein­schmei­cheln­den Namen „Cali­for­nia Zephyr“. Das sug­ge­riert eine Win­des­ei­le, die so doch nicht ganz zutrifft: Die Fahrt von Illi­nois nach Kali­for­ni­en dau­ert immer­hin drei Tage. Das ist sicher nicht die schnells­te und effi­zi­en­tes­te Art zu rei­sen, aber ähn­lich wie bei der Fahrt nach Nida in Litau­en geht es dar­um, ein Gefühl für Ent­fer­nun­gen zu bekom­men, und mit einer ähn­li­chen Geschwin­dig­keit unter­wegs zu sein wie die Manns – und auch Land­schaft zu sehen, zu erfah­ren. Die Lang­wie­rig­keit und das gemäch­li­che Tem­po pas­sen zudem zum Mann­schen lite­ra­ri­schem Stil. Am Ende, in der Nähe von San Fran­cis­co, wird der Zug­chef die Fahr­gäs­te ver­ab­schie­den und von „epic jour­ney“ spre­chen.

Ab Den­ver durch die Rocky Moun­tains, in denen schon dün­ne Schnee­fel­der lie­gen und Fluss­läu­fe eis­ge­säumt sind, dann am Colo­ra­do ent­lang; Fels­mau­ern, Can­yons, man glaubt, in einem Film zu sein, einem Wes­tern, etwa in Rio Gran­de oder 3.15 to Yuma. Man schaut die Abhän­ge hin­auf, ob nicht Rei­ter her­un­ter­kom­men, hört, ob sich Huf­ge­tram­pel in das Ruckeln des Zuges mischt.

Die Son­ne geht unter, taucht die Fels­wän­de in röt­li­ches Licht. Ich genie­ße die Sze­ne­rie, blen­de aus, wes­we­gen ich unter­wegs bin. Tho­mas Mann und sei­ne groß­bür­ger­lich-han­sea­ti­sche Welt sind Licht­jah­re ent­fernt – scheint es. Ich kom­me mit einem Mit­rei­sen­dem ins Gespräch, einem älte­ren Herrn; er hat mich mit mei­ner groß­for­ma­ti­gen USA-Kar­te han­tie­ren gese­hen, auf der ich ver­su­che, den Stre­cken­ver­lauf nach­zu­voll­zie­hen, und fragt, ob die Gegend hier auch dar­auf zu fin­den sei; wir sind in Utah, bewe­gen uns auf Salt Lake City zu.

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Nach dem Woher und Wohin und Wes­we­gen gefragt, erzäh­le ich vom Denk­mal­pro­jekt. Wie noch­mal der Name des Schrift­stel­lers lau­te? fragt der Herr mich – nickt dann zustim­mend: „I’m just now rea­ding Bud­den­brooks“ und holt einen abge­grif­fe­nen blau­en Lei­nen­band her­vor, auf dem man kaum den Titel mehr lesen kann  – aus der Public Libra­ry in San Die­go.

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Was für ein Zufall, oder, wie mir aus Fil­men im Ohr ist, wenn Men­schen oder Din­ge zusam­men­tref­fen, die nach dem gerin­gen Grad von Wahr­schein­lich­keit es eigent­lich nicht tun dürf­ten, „what are the odds“? Dass gera­de in die­sem Zug nach Kali­for­ni­en, genau an die­sem Tag, gera­de in mei­nem Abteil jemand die Bud­den­brooks liest, die­se Geschich­te aus dem fer­nen Lübeck!

Das könn­te ein Aus­gangs­punkt für eine empi­risch-kon­zep­tu­ell-per­for­ma­ti­ve Arbeit sein: man fährt zwi­schen Illi­nois und Kali­for­ni­en hin und her, geht wie die Schaff­ner durch den Zug, fragt, tippt sach­te an der Schul­ter, ob hier jemand etwas von TM oder ande­ren Manns liest. Dann steckt man einen Zet­tel als Mar­kie­rung über den Sitz. All­zu­viel Zet­tel dürf­ten nicht zusam­men­kom­men.

Es ist Nacht gewor­den. Ich dre­he mich zu mei­nem Mit­rei­sen­den um, er lehnt im Dun­keln. Auf dem Sitz neben ihm das Buch. Tho­mas Mann fährt mit.

Unterwegs zu den Manns – Halifax

Hali­fax – ich hat­te zunächst gezö­gert, dort­hin zu rei­sen, an die West­küs­te Kana­das, nach Neu­schott­land, von New York auf dem Land­weg etwa 1400 km ent­fernt. Dann aber, ein­mal auf dem nord­ame­ri­ka­ni­schen Kon­ti­nent, scheint es eine Gele­gen­heit, das Umfeld zu erkun­den, in dem Eli­sa­beth Mann Bor­ge­se, Tho­mas Manns jüngs­te Toch­ter (1918–2002, von Insi­dern EMB abge­kürzt), über 25 Jah­re gelebt hat.

Karo­li­na Kühn vom Lite­ra­tur­haus Mün­chen, die 2013 eine Aus­stel­lung zu EMB kura­tier­te, nennt Kon­takt­per­so­nen in Hali­fax und bestärkt mich in der Rei­se­ab­sicht – bereits die Land­schaft dort sei es wert!

Wel­ches Ver­kehrs­mit­tel ist ange­mes­sen? EMB, lei­den­schaft­li­che Auto­fah­re­rin, fuhr die Tour in den Nor­den das ers­te Mal in einem Rutsch von 16 Stun­den. Spä­ter nutz­te sie aber auch den klei­nen Flug­ha­fen von Hali­fax aus­gie­big. Ich beschlie­ße, hin zu flie­gen, zurück nach New York auf dem Land­weg zu rei­sen. Von oben sieht Nova Sco­tia sehr viel­ver­pre­chend aus.

Ich erkun­de zunächst die Gegend um Hali­fax, über­nach­te auf einer Halb­in­sel mit dem schö­nen Namen „Dead Mans Island“, zie­he an Buch­ten ent­lang, durch Wald, Gebüsch an Seen vor­bei, über blank­ge­scheu­er­te Gra­nit­flä­chen. Nach Wes­ten sind noch die Hoch­häu­ser der Stadt zu sehen. Auf der ande­ren Sei­te in der Fer­ne das Meer.

Die Stra­ße, auf der ich nach einem Abste­cher in die fast men­schen­lee­re Umge­bung zwi­schen Stadt und Küs­te als ers­tes sto­ße – Prince­ton Road. Was für ein Zufall!

Von Prince­ton nach Hali­fax: So läßt sich ein Teil des Weges von EMB beschrei­ben: In Prince­ton kommt sie mit den Ide­en einer Welt­re­gie­rung in Berüh­rung, mit poli­tisch enga­gier­ten Emi­gran­ten wie ihrem zukünf­ti­gen Mann Giu­sep­pe Anto­nio Bor­ge­se, die unter dem Ein­druck von NS-Regime und Faschis­mus z.B. die Kon­fe­renz „City of Man“ 1940 ver­an­stal­ten, an der auch Tho­mas Mann mit­wirkt, eine Welt­ver­fas­sung ent­wer­fen. Das Meer, zu dem Eli­sa­beth schon seit der Kind­heit eine enge Bezie­hung hat­te – sie­he die Auf­ent­hal­te an der Ost­see auf Nid­den – ist ihr das „Gebiet“, um die­se idea­lis­ti­schen Vor­stel­lun­gen umzu­set­zen. Sie setzt sich ein für Nach­hal­tig­keit und inter­na­tio­na­le Zusam­men­ar­beit, etwa im Club of Rome – als ein­zig weib­li­ches Mit­lied, ihrer Zeit in mehr­fa­cher Hin­sicht vor­aus. 1972 grün­det sie das Inter­na­tio­nal Oce­an Insti­tut (IOI). Fach­kennt­nis­se eig­net sich die stu­dier­te Musi­ke­rin nach Inter­es­se und Bedarf an – dar­in ihrem Vater nicht unähn­lich. Im Ver­lauf ihrer unkon­ven­tio­nel­len, heu­te so kaum mehr mög­li­chen Kar­rie­re kommt sie 1978 an die Del­housie-Uni­ver­si­tät in Hali­fax, immer­hin mit 60 Jah­ren, als Pro­fes­so­rin für inter­na­tio­na­les See­recht.

Zurück in der Stadt besu­che ich das IOI, das in einem beschei­de­nen Holz­haus in der Nähe der Uni­ver­si­ät unter­ge­bracht ist. Die Atmo­sphä­re ist fami­li­är. Made­lei­ne Cof­fen-Smout, Pro­gramm­lei­te­rin, Mike But­ler, Direk­tor und Hugh Wil­liam­son, ehe­ma­li­ger Assis­tent EMBs, machen mich mit der Akti­vi­tät des IOI bekannt: es hat wenig direk­ten poli­ti­schen Ein­fluss, stellt aber ein umfang­rei­ches Netz­werk dar, Schwer­punkt ist das inter­na­tio­na­le Aus­bil­dungs­pro­gramm in poli­ti­schen Wis­sen­schaf­ten, inter­na­tio­na­lem Recht, Wirt­schaft und Manage­ment, Mee­res­kun­de. Die Kur­se haben Modell­cha­rak­ter, vie­le der Teil­neh­mer sind spä­ter Schalt­stel­len tätig und ver­grö­ßern so das Netz­werk, das auf einen ver­ant­wor­tungs­vol­len Umgang mit den Resour­cen der Mee­re, auf ein glo­ba­les öko­lo­gi­sches und öko­no­mi­sche Bewußt­sein abzielt.

Made­lei­ne hat Schau­ta­feln, Bil­der und Publi­ka­tio­nen zu EMB zusam­men­ge­stellt. Dabei fällt auf, dass sie auf den meis­ten, beson­ders den frü­hen Fotos sehr „männ­lich“ aus­sieht, laut eige­ner Aus­sa­ge aus­se­hen woll­te, mit kur­zen Haa­ren und erns­tem, extra fürs Foto auf­ge­setz­tem Blick.
Und in der Tat, mit der weib­li­chen Geschlech­ter­rol­le hat­te EMB lan­ge zu kämp­fen, woll­te als „Mann“ erschei­nen, sich auch leis­tungs­mä­ßig, etwa durch pia­nis­ti­sches Kön­nen, bewei­sen, nicht zuletzt ihrem Vater gegen­über. Das inter­es­siert mich beson­ders, da der Fami­li­en­na­me ja auch als Geschlechts­be­zeich­nung gele­sen wer­den kann und die Aus­ein­an­der­set­zung damit und mit ent­spre­chen­den bür­ger­li­chen Erwar­tun­gen in der Fami­lie eine Art Leit­mo­tiv dar­stellt, auch bei Eri­ka und Katia Mann. Hier wer­den Gen­der­gren­zen über­schrit­ten, einer­seits phä­no­ty­pisch, durch andro­gy­nes Aus­se­hen, ande­rer­seits im Sinn von Eman­zi­pa­ti­on. Auch schwingt der Leis­tungs­ge­dan­ke mit – lei­tet der Name „Mann“ sich doch vom Über­na­men für einen tüch­ti­gen Men­schen ab.

Hugh Wil­liam­son erzählt von EMBs Akti­vi­tät und Per­sön­lich­keit: Sie ver­folg­te ihre Zie­le aus­dau­ernd und selbst­be­wußt, rief auch, wenn es etwa um die Rati­fi­zie­rung von inter­na­tio­na­len Abkom­men ging, beim ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten an. Was mich dabei inter­es­siert: Inwie­fern spiel­te ihr pro­mi­nen­ter Fami­li­en­na­me „Mann“ eine Rol­le? EMB scheu­te sich nicht, ihn ein­zu­set­zen („Mann? That’s an inte­res­ting name“), wenn es galt, Zugang zu bekom­men und Mit­strei­ter für die Sache der Mee­re zu gewin­nen.

Eine Stra­ße ist nach EMB in Hali­fax und auch sonst welt­weit nir­gends benannt – außer in Mün­chen, der Stadt, in der sie gebo­ren und auf­ge­wach­sen ist. Es gibt aber doch einen wei­te­ren Namens­trä­ger, ein Fort­be­we­gungs- und Trans­port­mit­tel, das in dem Ele­ment unter­wegs ist, für das sich EMB enagier­te: ein Schiff.

Ähn­lich­keit mit dem Aus­blick von einem Schiff hat­te der Blick aus ihrem häus­li­chen Arbeits­zim­mer vom Schreib­tisch nach drau­ßen aufs Meer, wobei das Gelän­der vor dem Fens­ter wie eine Reling wirkt. Den Gegen­stand ihrer Bemü­hun­gen vor Augen und Ohren zu haben, war ihr wich­tig, neben Unge­stört­heit und Kon­zen­tra­ti­on.

Am Nach­mit­tag fährt mich ein wei­te­rer freund­li­cher Mit­ar­bei­ter des IOI, Dirk Wer­le, zu EMBs ehe­ma­li­gem Haus in Sam­bro Head, ent­lang der Küs­te. Man fährt etwa eine hal­be Stun­de, durch die dünn­be­sie­del­te Gegend, die ich zuvor erkun­det hat­te. Freun­de und Geschwis­ter (etwa Golo) waren damals nicht unbe­dingt begeis­tert, dass sie sich so weit­ab vom Schuss nie­der­ge­las­sen hat­te, dort, wo wie jetzt, im Herbst bereits der Wind vom Atlan­tik her pfeift und im Win­ter schon mal die Lei­tun­gen ein­frie­ren. Aber EMB woll­te es so.

Das Haus wirkt beschei­den, aber schüt­zend und gemüt­lich, mit zum Boden gezo­ge­nen Dächern, einer „A“-Konstruktion, jetzt etwas ver­wil­dert und ein­ge­wach­sen; EMB  starb ja bereits 2002. Die Haus­num­mer ist auf eine Holz­lat­te geschrie­ben, mit auf­ge­schraub­ter Leuch­te – von der aller­dings nur noch eine Fas­sung vor­han­den ist. Auch die Stra­ßen­leuch­te gleich gegen­über ist denk­bar ein­fach: ein Holz­mast aus einem Baum­stamm, der gleich­zei­tig als Trä­ger von Strom- und Tele­fon­dräh­ten dient, dar­an ein Aus­le­ger.

Der Kon­trast zu den Vil­len ihres Vaters ist ekla­tant, gera­de nach­dem ich kurz vor­her das Haus in Prince­ton gese­hen hat­te. Aber wen hät­te Eli­sa­beth beein­dru­cken, was hät­te sie reprä­sen­tie­ren sol­len?

Zwei Zita­te zu/von EMB sind mir noch im Gedächt­nis: „She was an ice­berg“ (Hugh Wil­liam­son), aner­ken­nend gemeint: unbe­irr­bar, ziel­stre­big unter­wegs, mit nur einem Bruch­teil des Volu­mens sicht­bar. Und: „It’s easier to get for­gi­veness than per­mis­si­on“ (EMB selbst), das im Bezug auf ihre vie­len Pro­jek­te und Ver­su­che, auf Leu­te ein­zu­wir­ken und das zu bekom­men, was sie woll­te. Ich muss an das Denk­mal­pro­jekt den­ken, wo es ja auch viel um Geneh­mi­gun­gen gehen wird – da könn­te ich mir eine Schei­be abschnei­den …

Unterwegs zu den Manns – Princeton

Von New York aus nach Prince­ton, etwa andert­halb Stun­den mit dem Zug. Tho­mas Mann hat­te hier 1938–40 eine Gast­pro­fes­sur, hielt Vor­le­sun­gen zur deut­schen Lite­ra­tur – und auch über sei­ne eige­nen Schrif­ten, über den Zau­ber­berg und zum The­ma des Auto­bio­gra­phi­schen.

Mein Cice­ro­ne auf dem Cam­pus und in der Stadt ist Stan­ley Corn­gold, lang­jäh­ri­ger Pro­fes­sor für deut­sche und ver­glei­chen­de Lite­ra­tur­wis­sen­schaft; er hat, unter ande­rem, über Kaf­ka publi­ziert, den Wert­her neu über­setzt, steckt vol­ler Geschich­ten und schreibt gera­de an einem Buch zu Manns Auf­ent­halt in Prince­ton.

Er ver­mit­telt auch einen Gang in den wohl­be­hü­te­ten Rare Book Room, das Archiv, wo Brie­fe, Manu­skrip­te etc. von und zu Tho­mas Mann lagern – das er selbst aller­dings bis­lang eher sel­ten kon­sul­tiert habe: „First you wri­te your book, then you do your rese­arch.“

Die­sen para­dox-pro­vo­ka­ti­ven Satz fin­de ich sym­pa­thisch. Tho­mas Mann, der erst nach lan­gem Mate­ri­al­sam­meln und Exzer­pie­ren mit dem eigent­li­chen Schrei­ben begann, sie­he etwa Lot­te in Wei­mar oder Joseph und sei­ne Brü­der, hät­te ihn wohl nicht unter­schrie­ben. Aber für den Bereich des wis­sen­schaft­lich-essay­is­ti­schen Schrei­bens deckt er sich mit mei­nen Erfah­run­gen: wenn man sich gleich am Anfang mit dem Lesen von Kilo­me­tern von Sekun­där­li­te­ra­tur oder spe­zi­el­len Archi­va­li­en auf­hält und ent­deckt, was es schon alles gibt, ver­liert man schnell die Lust oder auch den Über­blick. Bes­ser ist es, etwas Eige­nes zu for­mu­lie­ren, durch Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Gegen­stand her­aus­zu­fin­den, was einen inter­es­siert, was für The­sen sich ent­wi­ckeln las­sen – und die am Ende mit den  Ergeb­nis­sen Ande­rer und mit Quel­len abzu­glei­chen, zu erwei­tern, gege­be­nen­falls zu kor­ri­gie­ren. All­fäl­li­ge Dublet­ten an Ide­en und Erkennt­nis­sen las­sen sich so wenigs­tens als selbst erar­bei­tet ver­bu­chen.

Das kann man mit künst­le­ri­schen Pro­zes­sen ver­glei­chen: Erst einem Impuls fol­gen, einen Ent­wurf, eine Arbeit machen, und dann recher­chie­ren, was es in die­ser Rich­tung gibt. Gera­de im kon­zep­tu­el­len Bereich wird man oft fest­stel­len: etwas Ähn­li­ches wur­de schon gemacht. Häu­fig zeigt sich aber auch: was man gera­de pro­du­ziert hat, unter­schei­det sich in dem und dem Punkt davon, steht in einem ande­ren Zusam­men­hang. So erging es mir mit dem Ent­wurf für das Denk­mal: Nach und nach stieß ich auf Arbei­ten mit Leuch­ten im öffent­li­chen Raum, etwa von Mischa Kuball, Maik und Dirk Löb­bert, Micha­el Sailstor­fer, Son­ja Vor­der­mai­er. Doch der Kon­text des Denk­mals und die Kom­bi­na­ti­on mit Stra­ßena­men bot Raum für Dif­fe­renz.  

Leuchte Princeton Campus

Beim Gang über den Cam­pus fal­len die Leuch­ten mit ihren wei­ßen Hau­ben auf – was ihnen zusam­men mit den Quer­stan­gen ein anthro­po­mor­phes, etwas schutz­mann­haf­tes Aus­se­hen ver­leiht. Sie sind hier als Pla­kat­stän­der ver­wen­det, für Ver­an­stal­tun­gen der Uni, Kon­zer­te, Lesun­gen, Work­shops. Das nimmt ihnen etwas von ihrer his­to­ri­schen Cam­pus-Wür­de, holt sie in die Gegen­wart. Der Begriff ‚Zweck­ent­frem­dung’ fällt mir ein: Sie haben zwar Quer­stan­gen zum Auf­hän­gen von Blu­men­kü­beln, aber dass Pla­ka­te an ihnen auf­ge­spannt wer­den könn­ten, dar­an haben die Ent­wer­fer sicher nicht gedacht.

Straßenschild  Princeton, MONUMENT Drive Ecke Stockton Street

Zum Haus an der Stock­ton Street Nr. 65, wo Mann gewohnt hat­te. Auf dem Weg dort­hin vor­bei am „Monu­ment Dri­ve“. Der Name ist im Zusam­men­hang mit dem Mann-Denk­mal inter­es­sant: Er ver­weist auf das Denk­mal einer Schlacht des ame­ri­ka­ni­schen Unab­hän­gig­keits­kriegs in der Nähe, mas­siv, pathos­ge­la­den, aus Mar­mor. Gera­de von sol­chen soll sich das Denk­mal an die Fami­lie Mann abhe­ben, eben nicht schwer­ge­wich­tig, son­dern eher leicht und mit Bezug zum all­täg­li­chen urba­nen Stadt­mo­bi­li­ar daher­kom­men.

Haus Thomas Manns in Princeton

Die Vil­la, die Tho­mas Mann und Katia bewohn­ten, hat ihrer­seits etwas Reprä­sen­ta­tiv-Monu­men­ta­les an sich: ein wuch­ti­ger, lang­ge­streck­ter Flü­gel­bau  des Neo­klas­si­zis­mus, mit breit schir­men­dem Dach. Er ist gegen­über dem Stra­ßen­ni­veau  höher gesetzt, eine Trep­pe führt zu ihm hin­auf, mit einer Back­stein­mau­er ein­ge­fasst. Wei­ter abge­schirmt ist das Haus durch einen Gar­ten, einer Hecke zur Stra­ße hin und wuch­tig-hohe Nadel­bäu­men, die wie Wäch­ter daste­hen, und das Schild „PRIVATE RESIDENCE“ unter­strei­chen. Auch der gegen­wär­ti­ge Bewoh­ner liebt Pri­vat­heit.

An der Back­stein­mau­er eine Gedenk­ta­fel „THOMAS MANN LIVED HERE 1938–1941“ aus den 1960er Jah­ren, die in ihrer Lako­ni­zi­tät und Schlicht­heit wie ein nobles Under­state­ment wirkt, gleich­zei­tig mit den in Stein gehaue­nen Groß­buch­sta­ben, der sym­me­tri­schen Anord­nung und der klas­si­schen Schrift­ty­pe, wie man sie etwa auch am Tra­jans­bo­gen fin­det, der Capi­ta­lis Monu­men­ta­lis, den Cha­rak­ter eines römi­schen Epi­taphs hat – und dadurch auch etwas Monu­men­ta­les.  

Gedenktafel Stockton Street Princeton

Im Rare Book Room. Vor mir Blät­ter, bedeckt von der Hand­schrift Tho­mas Manns, anläss­lich der Ver­lei­hung eines Ehren­dok­tors in Prince­ton. Schwer zu lesen – und die Fra­ge, was sie bedeu­ten, wel­chen Sinn es hat, sie anzu­se­hen.

Manuskript Thomas Mann

Die unter­schied­li­chen Grau­tö­ne der Tin­te, nach dem Ein­tau­chen jeweils dunk­ler. Nur manch­mal durch­ge­stri­chen, in ent­schie­de­nen Zügen. Beim Schau­en auf die flir­ren­den, leich­ten, regel­mä­ßi­gen Zei­chen: viel­leicht über­trägt sich etwas von der Ener­gie in Bewe­gung, in Schrift?

Oben in latei­ni­schen Buch­sta­ben hin­zu­ge­fügt die Wid­mung Tho­mas Manns – im Gegen­satz zu sei­ner nor­ma­len, „deutsch“-geprägten Schreib­schrift. Fremd­heit der Schrift – Abstand der Zeit. Wo lässt sich da die Brü­cke schla­gen?  

In Prince­ton über­schnei­den sich die Zei­ten. Und es begeg­nen sich Men­schen, Ide­en. In der Lounge der Biblio­thek macht Stan­ley mich auf eine älte­re Dame auf­merk­sam: Ob ich Ger­da Pan­of­sky ken­nen­ler­nen wol­le? Pan­of­sky, der Name ruft Erin­ne­run­gen an Schu­le und Stu­di­um wach: Saturn und Melan­cho­lie, her­aus­ge­ge­ben von Ray­mond Kilb­an­sky, Erwin Pan­of­sky und Fritz Saxl, die ers­te Berüh­rung mit ideen/kulturgeschichtlicher Kunst­ge­schich­te. Ger­da weiß auch auf Anhieb die ehe­ma­li­ge Wohn­adres­se Albert Ein­steins in Prince­ton, nach der wir ver­geb­lich gesucht hat­ten. Die Emi­gra­ti­on – und die Aus­strah­lung der Uni­ver­si­tät und der mit ihr ver­bun­de­nen Per­so­nen – führ­te sie alle hier­her.

So steht Prince­ton nicht nur zu Tho­mas und Katia in Bezie­hung: Hier hei­ra­te­ten 1939 die jüngs­te Toch­ter, Eli­sa­beth, und Giu­sep­pe Anto­nio Bor­ge­se, emi­grier­ter Schrift­stel­ler und Hoch­schul­leh­rer. Über Bor­ge­se und die befreun­de­ten Zir­kel in Prince­ton (u.a. den Kreis um Erich Kah­ler und Her­mann Broch) kam Eli­sa­beth ver­stärkt mit Idea­len einer neu­en Welt­ord­nung, inter­na­tio­na­ler Zusam­men­ar­beit, ja einer Welt­re­gie­rung in Berüh­rung, die sie in ihrem Enga­ge­ment für den inter­na­tio­na­len Schutz der Mee­re und ein über­staat­li­ches See­recht ver­wirk­lich­te – was sie dann spä­ter an die Del­housie-Uni­ver­si­tät führ­te, in Halifax/ Neu­schott­land.

Dort­hin soll die nächs­te Rei­se gehen.

New York – Mann Avenue

In New York gibt es kei­ne Stra­ße, die nach Tho­mas Mann benannt wäre, auch nicht nach ande­ren Mit­glie­dern der Fami­lie. Dafür war Mann, obwohl Nobel­preis­trä­ger und ame­ri­ka­ni­scher Staats­bür­ger, für die Stadt nicht dann doch bedeu­tend genug. Im alten Teil Man­hat­tens sind Stra­ßen nach für die natio­nal-ame­ri­ka­ni­sche und die loka­le Geschich­te als wich­tig erach­te­ten Per­so­nen des 18. und 19. Jahr­hun­derts benannt, nach den Foun­ding Fathers, Inge­nieu­ren, Geschäfts­leu­ten. Und das prag­ma­tisch-neu­tra­le Sys­tem der Num­me­rie­rung der Stra­ßen, das dar­über­hin­aus für die neue­re Zeit ver­wen­det wird, kommt einer Iden­ti­fi­ka­ti­on mit Namen nicht enge­gen.

Aber gibt es nicht doch etwas? Viel­leicht auch nur den Fami­li­en­na­men? Um die Suche inter­es­san­ter zu gestal­ten und mehr Kon­text zwi­schen die Fin­ger zu bekom­men, neh­me ich mei­nen Stadt­plan von 2005 zur Hand (deren Kar­ten in Wirk­lich­keit seit 1988 unver­än­dert schei­nen) mit „Total Index of Streets“. Da das Stra­ßen­ver­zeich­nis nach den Five Bor­roughs geglie­dert ist, blät­te­re ich Stadt­teil für Stadt­teil durch, Man­hat­ten, Bronx, Brook­ly, Queens: wie zu erwar­te: nichts. Im letz­ten auf­ge­lis­te­ten, in Sta­ten Island jedoch gibt es eine „Mann Ave­nue“.

Das freut mich – und die Stra­ße kommt auf die Lis­te der zu besu­chen­der Orte in New York. Auch wenn sich Beden­ken anmel­den: ich weiß, dass es in den USA und welt­weit hun­der­te von „Mann“-Straßen gibt (so z.B. auch in Wien). Sie haben mit Tho­mas Mann und sei­ner Fami­lie nichts zu tun – außer, dass sie den Fami­li­en­na­men tei­len. Wäre es nicht ein Fake oder zumin­dest ein Abweg in die Belie­big­keit, sich da ein­fach einen oder meh­re­re Stra­ßen­na­men an ver­schie­de­nen Orten her­aus­zu­pi­cken und auf die­se Wei­se den Anschein von noch mehr Bedeu­tung und Inter­na­tio­na­li­tät der Fami­lie Mann zu gene­rie­ren?

Ande­rer­seits: ist es nicht zuletzt die All­ge­mein­heit des Namens „Mann“, die mich bei dem Pro­jekt inter­es­siert? Und beim Alex­an­dria-Pro­jekt, bei dem ich ver­schie­de­ne Städ­te bereis­te, die nur der gemein­sa­me Name ver­band, in Ägyp­ten, Vir­gi­nia, Ita­li­en, – ging es da nicht auch um die Mehr­deu­tig­keit von Namen, die „Bedeu­tung“, die wir ihnen zumes­sen?

Und so geht es zur Mann Ave­nue, nach Sta­ten Island.

Wie bei den bis­her besuch­ten (Tho­mas) Mann-Stra­ßen, in Rom etwa, so liegt  auch die­se etwa andert­halb Stun­den vom Zen­trum (Man­hat­tan, Bowe­ry) ent­fernt. Mit der Sub­way zum Bat­te­ry Park, mit der Fäh­re nach Sta­ten Island, dann mit dem Bus quer über die Insel – von der ich bis­her kei­ne Vor­stel­lung hat­te, wie groß sie ist und wie weit sie sich erstreckt.

Die Mann Ave selbst – der Bus­fah­rer, nach­dem er sich buch­sta­bie­rend ver­ge­wis­sert hat „M‑A-N‑N“?,  kennt sie, was ich gar nicht erwar­tet hat­te. Eine der vie­len Quer­stra­ße zum lan­gen Vic­to­ry Bou­le­vard. Das Sys­tem der Gegen­sät­ze Street und kreu­zen­den Ave­nues ist bei­be­hal­ten – obwohl die „Ave­nue“ wenig von ihren pro­mi­nen­ten Ver­wand­ten auf Man­hat­ten hat.

Ich mache Fotos, mes­se am Pfos­ten her­um, „Looks good?“ fragt ein Mann, der vor­bei­kommt. Ob er wis­se, nach wem die Stra­ße benannt sei? Er weiß es nicht, aber inter­es­san­ter­wei­se stam­men für ihn nach Per­so­nen benann­te Stra­ßen vor allem aus der jüngs­ten Gegen­wart. „Usual­ly they put two signs on it, like „Vic­to­ry Bou­le­vard“ and like „Bil­ly Smith“, after a fire­figh­ter“. Er deu­tet stolz auf sein Polo­shirt, auf dem das Abzei­chen einer frei­wil­li­gen Feu­er­wehr ein­ge­stickt ist.  9/11 hat also in der Stra­ßen­bena­mung Spu­ren hin­ter­las­sen, und da es kei­ne „frei­en“ Stra­ßen gab, hat die Stadt Abschnit­te bestehen­der Stra­ßen mit Namen ver­se­hen – als Form des Geden­kens.

Es däm­mert und wird bei der Rück­fahrt zur Fäh­re end­gül­tig dun­kel.

Unterwegs zu den Manns – New York – Hotel Bedford/Renwick

In New York wohn­ten Klaus und Eri­ka, aber auch Tho­mas Mann und Katia häu­fig im Hotel Bed­ford, 118 E 40th St., zwi­schen der Lex­ing­ton und der Park Ave. Klaus und Eri­ka waren Stamm­gäst, schrie­ben hier u.a. am Emi­gran­ten­ro­man „Escape to Life“. Das Hotel, schlicht-ele­gan­te Back­stein­fas­sa­de mit Ein­spreng­seln von Art Deco, war ver­kehrs­güns­tig gele­gen, nahe dem Grand Cen­tral, preis­lich in der Mit­tel­klas­se (die Nacht für drei Dol­lar) und Anlauf­stel­le auch für Schrift­stel­ler­kol­le­gen. Der Sprach­wis­sen­schaft­ler Phil­ipp Anger­mey­er reka­pi­tu­liert im Arti­kel „Woh­nen wie Klaus Mann“ die­se Zeit. Die­ses Hotel als Kreu­zungs­punkt der Fami­lie Mann scheint mir inter­es­sant – ich suche es auf.

Heu­te heißt das Hotel „Ren­wick “, wird von der Hil­ton-Ket­te betrie­ben und ist „very art­sy“: Türen und Wän­de der Lob­by sind von einem Künst­ler bemalt und beschrif­tet, mit Por­träts und Aus­sprü­chen von Schrift­stel­lern, die hier gewohnt haben, – dar­un­ter Heming­way, Stein­beck, Fitz­ge­rald – und auch Tho­mas Mann, des­sen Nobel­preis erwähnt ist. Von Klaus und Eri­ka ist nicht die Rede, auch wenn sie viel län­ger hier wohn­ten als ihr Vater – viel­leicht waren sie den Betrei­bern nicht bedeu­tend genug – und ein „Mann“ reich­te.

In der Nähe des Emp­fangs ein Desi­gn­ob­jekt aus viel­fach gekreuz­ten Leucht­stä­ben. Und, gleich am Ein­gang, über dem Sturz der Innen­tür, begrüßt einen ein Zitat von Tho­mas Mann, das die Kunst selbst zum Gegen­stand hat: „Art is the fun­nel, as it were, through which spi­rit is pou­red into life.“ [Kunst ist sozu­sa­gen der Trich­ter, durch den der Geist ins Leben geschüt­tet wird]. Das in Ver­sal­buch­sta­ben, eine Inschrift, ein Mot­to, unter dem man das Hotel betritt. Man darf sich als Gast damit als Teil­ha­ber an Geist und Kunst füh­len, auf Augen­hö­he mit den gro­ßen Geis­tern, die hier aus- und ein­gin­gen. Auf jeden Fall müs­sen Tho­mas Mann und „Kunst“ (was auch immer hier dar­un­ter zu ver­ste­hen ist) hier arg für das Mar­ke­ting her­hal­ten.  

Drau­ßen auf der Stra­ße geht es weni­ger art­sy zu: Als ich ankom­me, ist gera­de vol­ler Betrieb, der Hotel­ein­gang wird gefegt, die Müll­ab­fuhr ist zu Gan­ge, es kracht und stinkt, Taxis, Autos hupen. Zwi­schen und über allem steht sto­isch die Leuch­te (deren eine Lam­pe übri­gens gera­de aus­ge­fal­len ist, wie sich bei einem Besuch abends zeigt).

Die Stra­ßen­leuch­te spie­gelt in ihrer Höhe (fast neun Meter) und ihrem Design die Gran­deur der Welt­stadt New York und das des Bezirks in Mid­town Man­hat­tan wider – mit zwei trop­fen­för­mi­gen Köp­fen, wie sie hier im District ste­hen.

Die Leuch­te ist aber auch inter­es­sant, was ihre Betreu­ung und den Betrieb von urba­nem Mobi­li­ar all­ge­mein angeht: Für sie ist nicht all­ge­mein die Kom­mu­ne, die Stadt New York zustän­dig, son­dern eine „Part­nership“, ein Zusam­men­schluss von Geschäf­ten und Fir­men, die in die­sem Quar­tier der Innen­stadt ange­sie­delt sind und es betreu­en, eine Art pri­vat orga­ni­sier­tes Kiez­ma­nage­ment, das seit den 1980er Jah­ren aktiv ist, der Zeit, als man die Pro­ble­me New Yorks mit Neu­struk­tu­rie­run­gen zu lösen ver­such­te. Es gibt ver­schie­de­ne, auf der Leuch­te ist das Signet der Grand Cen­tral Part­nership ange­bracht. Im Hin­ter­grund tau­chen Fra­gen auf: Wer küm­mert sich um die öffent­li­chen Ein­rich­tun­gen einer Stadt, wie ist sie orga­nis­ert, wem „gehört“ eine Stadt?

Unterwegs zu den Manns – Nida/Nidden

Nidden/Nida auf der kuri­schen Neh­rung in Litau­en also, wo Tho­mas Mann sich 1929 ein Feri­en­haus bau­en ließ – und es 1930 am 16. Juli bezog. Um die­se Zeit fin­det seit 23 Jah­ren hier im Haus, jetzt Muse­um, ein Tho­mas-Mann-Fes­ti­val mit Lesun­gen, Vor­trä­gen und Kon­zer­ten statt.

Ich rei­se an mit Zug, Bus und Fäh­re, zwei Tage, etwa so lan­ge, wie es auch zu Zei­ten der Manns dau­er­te, um die Ent­fer­nung zu erfah­ren.

Im Haus höre ich u.a. Jind­rich Mann, Enkel von Hein­rich Mann, ver­su­che ein Gefühl für Ort und Land­schaft zu bekom­men, spre­che mit Mann-Exper­ten und Ver­tre­tern von Insti­tu­tio­nen über das Denk­mal­pro­jekt.

Inter­es­sant, dass Tho­mas Mann 1930 hier­her­kam, und die zwei fol­gen­den Som­mer hier ver­brach­te, also die letz­ten Feri­en vor der Emi­gra­ti­on. Die selbst­ge­wähl­te Rei­se, Ent­fer­nung gegen­über der unfrei­wil­li­gen, erzwun­ge­nen. Nid­den als ein „Refu­gi­um, viel­leicht sogar eine Art Vor-Exil“, wie Fri­do Mann schreibt.

Ich unter­hal­te mich mit Uwe Nau­mann, Phi­lo­lo­ge, Lek­tor bei Rowohlt und inti­mer Ken­ner der Fami­lie Mann, über das Denk­mal­pro­jekt. Es taucht die Fra­ge auf: Wie kann man deut­lich machen, dass Inter­na­tio­na­li­tät und häu­fi­ger Orts­wech­sel eben nicht durch Rei­se­lust und Tou­ris­mus, son­dern größ­ten­teils durch Emi­gra­ti­on bedingt waren? Tho­mas Mann sei der sess­haf­tes­te Mensch gewe­sen, den man sich vor­stel­len kön­ne – und wäre sicher wei­ter in Mün­chen geblie­ben. Es hand­le sich also um ein „erzwun­ge­nes Welt­bür­ger­tum.“
Die Unter­schei­dung ist nicht leicht zu tref­fen, da die Manns ja auch in der erzwun­ge­nen Frem­de über Mit­tel und Unter­stüt­zer ver­füg­ten, um einen geho­be­nen Lebens- und Rei­se­stil auf­recht­zu­er­hal­ten, und die Orte der Mann­schen Emi­gra­ti­on ja nicht die häss­lichs­ten waren: Bei­spiels­wei­se Sana­ry Sur Mer an der Côte d’A­zur, wie Nida ein Küs­ten- und Bade­ort, der sich zur Anlauf­stel­le von Emi­gran­ten ent­wi­ckel­te.

Das kann wohl nur durch zusätz­li­che Bild- und Text­in­for­ma­tio­nen gesche­hen, und indem man die Leuch­ten und ihre Orte zusam­men­denkt. In Nid­den bei­spiels­wei­se steht die Leuch­te ja vor einem Feri­en­haus, ein fes­tes Gebäu­de, das bewusst für län­ge­ren, wochen- und mona­te­lan­gen Auf­ent­halt geplant und in Auf­trag gege­ben wur­de. Mit sei­nem brei­ten Dach, dem Walm aus Reet, strahlt es den Wunsch nach Sess­haf­tig­keit und Ver­wur­zelt­sein aus. Es ist gebaut in Anleh­nung an tra­di­tio­nel­le, orts­ty­pi­sche Bau­wei­se, eine Fischer­hüt­te oder bes­ser, ‑kate, mit den gewach­se­nen Mate­ria­li­en Holz und Reet, dem Regio­na­li­tät signa­li­sie­ren­den „preußisch“-Blau auf den Stirn­sei­ten des Dachs, den Fens­ter­lä­den und ‑rah­men.

Ein Gespräch mit Lina Motu­zi­enė, Lei­te­rin des Tho­mas-Mann-Kul­tur­zen­trums, gerät schnell ins Prak­ti­sche: sie tele­fo­niert mit einer Mit­ar­bei­te­rin der Nerin­gos Komu­na­lin­in­kas, des hie­si­gen Bau­hofs, der für die Orte der Neh­rung zustän­dig ist, und kurz dar­auf rad­le ich los, um dort eine Lam­pe in Augen­schein zu neh­men. Somit bie­ten sich auch Ein­bli­cke hin­ter die Kulis­sen von Nida. Bald fin­de ich mich in einer Werk­statt wie­der, auf dem Tisch eine Leuch­te, die ich gleich mit­neh­men kön­ne – und auf litau­isch und eng­lisch dis­ku­tie­ren wir über Maße, Leucht­mit­tel, Gewicht und die Fra­ge, ob es die­se sein kön­ne oder das „Ori­gi­nal“, das mir am liebs­ten wäre – bis zwei Mit­ar­bei­ter her­ein­kom­men und fest­stel­len, das auf dem Tisch sei nicht das vor dem Kul­tur­zen­trum ver­wen­de­te Modell, son­dern ein klei­ne­res, und das „rich­ti­ge“ her­ein­brin­gen – in der Tat eine Num­mer grö­ßer und schwe­rer. Die Leuch­te wird ange­schlos­sen und getes­tet, und in der Tat, das ist das röt­li­che Licht, das abends auf den Stra­ßen, Plät­zen und Ufer­pro­me­na­den zu fin­den ist. Sie bie­ten an, die Leuch­te gleich gegen die vor dem Tho­mas-Mann-Haus aus­zu­tau­schen. Wir fah­ren los.

Wie­der­um geht es schnell: Die Leuch­te vor dem Haus wird abge­baut, im Biblio­theks­raum zwi­schen­ge­la­gert und mir über­ge­ben – eben am 16. Juli!

Eine schö­ne Sze­ne: Im Vor­der­grund instal­lie­ren zwei Mit­ar­bei­ter von Nerin­gos Komu­na­lin­in­kas eine Lei­ter und mon­tie­ren die Lam­pe ab, gera­de neben dem Hin­weis­schild auf das Muse­um. Im Hin­ter­grund das Feri­en­haus, aus dem durch die offe­ne Tür der Veran­da wohl­ar­ti­ku­lier­te Sät­ze über Nid­den tönen, die Cha­rak­te­ris­tik der Land­schaft und ihrer Men­schen – Tex­te von Tho­mas, gele­sen von Fri­do Mann.

Als die Leuch­te her­un­ter­ge­ho­ben ist, sieht man ihre Ober­sei­te zart bedeckt von hell­grau­en Flech­ten – stand sie doch unter Kie­fern, wo Feuch­tig­keit und Schat­ten für ein pflan­zen­haf­tem Wachs­tum güns­ti­ges Kli­ma sorg­ten. Auf die­se Wei­se wird mit der Leuch­te auch ein Stück Ost­see-Flo­ra nach Mün­chen impor­tiert.

Der Vor­trag von Uwe Nau­mann über die Manns und das Meer fügt sich an die­sem Tag inso­fern ganz gut, als der ers­te Teil mei­ner Rück­rei­se ja auch über die Ost­see statt­fin­den wird, mit der Fäh­re nach Kiel.

Sei­ne vor­her­ge­hen­de Lesung der Geschich­te „Das Eisen­bahn­un­glück“ von Tho­mas Mann passt auch, zumin­dest was das Ver­kehrs­mit­tel ab Kiel betrifft … An die Dra­ma­tik der Erzäh­lung reicht die Fahrt nicht her­an – auch wenn es DB-bedingt ver­schie­de­ne Zwi­schen­fäl­le gibt, die in einer Ver­spä­tung von andert­halb Stun­den resul­tie­ren – was jedoch nur halb solang wie in der Geschich­te ist.

Unterwegs zu den Manns – Kilchberg

Eine Fahrt nach Zürich – und ins nahe­ge­le­ge­ne Kilch­berg, wo Tho­mas Mann, Katia, Eri­ka und Golo wohn­ten und auf dem Fried­hof zusam­men mit Micha­el, Moni­ka begra­ben sind. Von beson­de­rem Inter­es­se: Die Leuch­te vor dem Wohn­haus, auf einer älte­ren Schwarz­weiß-Auf­nah­me in der Rowohlt-Mono­gra­phie über die Fami­lie Mann pro­mi­nent zu sehen, jedoch über Goog­le Street View nicht, eben­so­we­nig das Stra­ßen­schild „Eri­ka-Mann-Stras­se“ in Zürich, die es seit kur­zem gibt. Und Bil­der aus ande­ren Quel­len fin­den sich im Netz auch nicht – so bemer­kens­wert und wich­tig schei­nen die­se Stra­ßen­la­ter­nen und Stra­ßen­schil­der dann doch nicht zu sein, als dass sie foto­gra­fiert wür­den – viel­leicht sind die Schil­der auch viel zu neu. Die­se Lücken in der Bild-Ver­füg­bar­keit der Welt allein recht­fer­ti­gen bereits die Tour in die Schweiz!

Im Vor­feld, ver­mit­telt durch Andre­as Mar­ti, der in Zürich den Kunst­raum dienst­ge­bäu­de betreibt, Kon­takt mit Chris­toph Doswald, ver­ant­wort­lich für Kunst im öffent­li­chen Raum. Ihm schil­de­re ich mein Anlie­gen, und er schreibt auch gleich zurück: das Pro­jekt klin­ge span­nend; eine schö­ne Idee, die bio­gra­fi­schen Sta­tio­nen mit dem Mobi­li­ar des öffent­li­chen Raums zusam­men­zu­brin­gen. In der Pra­xis stel­le es sich mög­li­cher­wei­se etwas kom­pli­zier­ter dar, er kön­nen allen­falls in Sachen Zürich-Oer­li­kon hel­fen. „Was hin­ge­gen Kilch­berg betrifft, so liegt das polit-geo­gra­fisch nicht im unse­rem Ter­ri­to­ri­um.“

Hier begeg­net bereits ein Phä­no­men, auf das ich im Lauf der Recher­che immer wie­der sto­ßen wer­de: die Zahl der Zustän­dig­kei­ten und anzu­fra­gen­den Stel­len ver­grö­ßert sich.

Also auf in die Schweiz. Viel­leicht ist es auch nicht schlecht, vom Ende, von einer der letz­ten Sta­tio­nen der Manns her anzu­fan­gen.

Hubert Kret­sch­mer, Ver­le­ger, Künst­ler und Samm­ler von Künst­ler­pu­bli­ka­tio­nen nimmt mich im Golf von Mün­chen nach Zürich mit. Dabei ist auch Rai­ner Grü­ner, sei­ner­seits Samm­ler von Künst­ler­bü­chern. Ziel ist eine Aus­stel­lung in der Gra­phi­schen Samm­lung an der ETH (wo neben­bei auch der Nach­lass Tho­mas Manns liegt). Auf die­sem Kurz­trip kom­men ganz unter­schied­li­che Din­ge zusam­men.

Von der Aus­stel­lung mit der S‑Bahn nach Kilch­berg, am Züri­see gele­gen, etwa 20 Minu­ten fährt man, über die Stadt­gren­zen hin­aus. Der Bahn­hof strahlt Ruhe, Soli­di­tät und Kur­ort­stim­mung aus, mit einer Kar­te des Sees, einer roten Holz­bank – und einer Arzt­pra­xis gleich dane­ben.

Da man in den Ort nach oben steigt, gibt es vie­le Trep­pen und Durch­gangs­si­tua­tio­nen. Auch damit hängt wohl das Bedürf­nis nach Abgren­zung und Pri­vat­heit zusam­men, aus­ge­drückt durch Zäu­ne und Schil­der. Aber auch sonst atmen die Anwe­sen eine gewis­se Abge­schlos­sen­heit.
„Ruhe, Ruhe und noch­mals Ruhe“ – so beschreibt Tho­mas Mann in einem Brief sei­ne Wün­sche. Man kann ver­ste­hen, war­um er hier­her­zog. Dazu kom­men See­blick und Kur­or­t­at­mo­sphä­re.

Das Sana­to­ri­um in Kilch­berg, an dem man vor­bei­geht, lässt in Zusam­men­hang mit Tho­mas Mann unwill­kür­lich an den „Zau­ber­berg“ den­ken, auch wenn es sich nicht um eine Lun­gen­heil­an­stalt, son­dern eine Pri­vat­kli­nik für Psy­cho­the­ra­pie han­delt. Der Ort liegt eben­falls in der Höhe, sie­he auch den Namens­be­stand­teil „-berg“.

Das Stra­ßen­schild „Alte Land­stras­se“, wo die Manns wohn­ten, ist auf­wen­dig und soli­de, mit einem Rand-Rah­men ein­ge­fasst, tief geprägt, wie ein Stem­pel, den es der Stra­ße und Umge­bung auf­drückt. Die Buch­sta­ben nicht etwa in Frak­tur oder Anti­qua, son­dern klas­sisch modern, schnör­kel- und seri­fen­los, schwei­ze­ri­sche Typo­gra­fie. Sie kon­tras­tie­ren mit dem Inhalt und bezieht sich auf die dama­li­ge moder­ne Gegen­wart. Das Schild mag aus den 1950er/60er Jah­ren stam­men, also als Tho­mas und Katia Mann hier­her­zo­gen.

Aus etwa der­sel­ben Zeit dürf­te auch die Stra­ßen­leuch­te stam­men, die vor dem Haus Nr. 39 steht. Auf einem älte­ren Schwarz-Weiß-Foto ist sie zu erken­nen, und offen­sicht­lich noch die­sel­be. Die Bäu­me im Hin­ter­grund sind grö­ßer gewor­den, sonst hat sich nicht viel ver­än­dert. Die Gegen­wart hat ledig­lich in Form eini­ger Sti­cker auf dem Lam­pen­mast Spu­ren hin­ter­las­sen, eine geball­te Faust, „FCZ“ dar­un­ter, wohl eine Droh­ge­bär­de gegen den 1. FC Zürich, und „FCK NZS“, eben­falls auf drei Kon­so­nan­ten redu­zier­te Wör­ter, deren Sinn man leicht erschlie­ßen kann. Die­se Zeug­nis­se einer lin­ken Sze­ne hät­te man hier, im soignier­ten Kilch­berg, nicht erwar­tet.

Die Leuch­te mit ihrem gebo­ge­nen Mast, lässt an eine schlan­ke Figur den­ken – nicht zufäl­lig die Bezeich­nung „Lam­pen­kopf“ -, die aus luf­ti­ger Höhe und Distanz auf die Stra­ße hin­un­ter­schaut.
Vor der Lam­pe auf der Stra­ße die bei Repa­ra­tur­ar­bei­ten ent­stan­de­nen schwar­zen Schrift­zei­chen aus Teer.

Das Haus des „noto­ri­schen Vil­len­be­sit­zers“ selbst, breit, mit weit vor­ge­zo­ge­nem Walm­dach, umge­ben von hohen Bäu­men, Zaun und Hecke. Es ver­mit­telt Zurück­ge­zo­gen­heit, wirkt aber nicht abwei­send. Das ros­ti­ge Tor steht leicht offen, also ob häu­fi­ger jemand ein und aus­gin­ge, wie um her­ein­zu­bit­ten.

Am Pfei­ler dane­ben eine Gedenk­ta­fel, die nüch­tern fest­stellt, dass hier die Fami­lie Tho­mas Mann wohn­te, und die ehe­ma­li­gen Bewoh­ner und die Jah­re ihres Auf­ent­halts auf­lis­tet: Tho­mas Mann 1954–1955, also kurz bis zu sei­nem Tod, Katia dann lan­ge, bis 1980, Eri­ka bis zu ihrem Tod 1969, schließ­lich Golo lan­ge 30 Jah­re. Das gewis­se Under­state­ment, das nicht von Schrift­stel­ler­tum etc. erzählt, ähn­lich vor­nehm-lako­nisch wie die Grab­stei­ne der Fami­lie auf dem Kilch­ber­ger Fried­hof.
Eine abs­tra­hier­te Fami­lie als Plas­tik vor dem Ein­gang – weder groß noch künst­le­risch hoch­wert­voll. Wohnt hier viel­leicht nach den Manns (wie­der) eine Fami­lie? Dar­auf deu­tet wei­ter hin eine Blu­men­scha­le mit Nar­zis­sen und einem quietsch­bun­tem Oster­ha­sen – ein Kon­trast zur sons­ti­gen gedämpft-grau­en Far­big­keit von Haus, Gar­ten und Stra­ße.

Das Gefühl von ste­hen­ge­blie­be­ner Zeit – in der Refle­xe der Gegen­wart auf­blit­zen.

Stadtrat beschließt Denkmal

Am 10.4.2019 hat die Voll­ver­samm­lung des Stadt­rats Mün­chen beschlos­sen, den Ent­wurf von Albert Coers zu rea­li­sie­ren. Coers ‚Kon­zept, das einen gela­de­nen Kunst­wett­be­werb des Kul­tur­re­fe­rats gewon­nen hat, trägt den Titel „Stra­ßen Namen Leuch­ten“.

Zuvor hat­te der Kul­tur­aus­schuss des Stadt­rats am 28.3. 2019 ein­stim­mig beschlos­sen, dem Vor­schlag der Jury zu fol­gen und den Auf­trag für ein „Denk­mal für die Fami­lie Mann“ am Sal­va­tor­platz an den in Mün­chen und Ber­lin leben­den Künst­ler zu ver­ge­ben. Die Errich­tung des Denk­mals war 2015 auf Antrag der CSU-Stadt­rä­te Richard Quaas und Mari­an Off­man beschlos­sen wor­den. (Süd­deut­sche Zei­tung, 28.3.2019)